Herbstzeit ist Wanderzeit. Die Schuhe geschnürt, geht es ins Urnerland. Ich will den Stier bei den Hörnern packen, mich mit meiner Höhenangst konfrontieren und diese bezwingen. Doch der Einzige, der in die Knie geht, bin ich – spätestens beim Anblick jenes gelben Bähnlis, welches mich Richtung Arnisee bringen soll.

Ich hab ja schon vieles gesehen, aber ein solch kleines Transportmittel für vier Personen? Selbst die Kinder vom Napf hätten ihr Leben wohl nicht einer solch alten Blechbüchse anvertraut.

Fahrzeit: 6 Minuten. Höhendifferenz: 790 Meter. Mit 2.2 Höhenmetern pro Sekunde gehts bergauf. Mit welchem Tempo würde ich wohl runterfallen … ach, wird schon schief gehen.

Nachdem sich die Tür geschlossen hat, geht es ruckartig los. Den Blick in die Ferne gerichtet, sitze ich da, eingepfercht wie ein Tier auf dem Weg zum Schlachthof. Und so fühle ich mich auch: ein Vogel mit gestutzten Flügeln, 150 Meter über dem Boden. «Dadamm – dadamm»: Das Geräusch, welches das Bähnli beim Gleiten über die Rollen macht, färbt auf meinen Herzschlag ab. Meine Hände sind feucht, mir ist schwindelig. Ich muss mich konzentrieren, starre ein Bedienfeld an, das mit Kipphebeln und Lämpchen übersät ist. Letztere leuchten allesamt rot. Ob das wohl ein gutes Zeichen ist? Zumal neben einem Rotlicht «Türe öffnen» steht. Und ich Trottel hab auch noch den Platz beim Ausgang gewählt. Himmelarsch …

Ich richte kein Stossgebet gen Himmel, sondern gehe den Ablauf des Worst Case durch: Die Tür öffnet sich, ein Ausläufer eines Hurricanes – ja, die sind mittlerweile auch in den Schweizer Alpen spürbar – wirbelt das Bähnli hin und her. Statt mit dem gelben Himmelfahrtskommando abzustürzen, nehme ich mein Schicksal selber in die Hand, mache es wie Silvester Stallone in «Rambo»: Die Baumwipfel anvisiert, nehme ich allen Mut zusammen und springe. Während des freien Falls schwant mir Böses: Ich genoss keine Spezialausbildung, bin zwar trainiert, aber mehr im Schreiben denn im Gewichtheben. Gaben die Äste bei Rambos stahlhartem Körper nach, werden sie mein Knochengerüst wohl wortwörtlich in den Himmel katapultieren.

«Dadamm – dadamm». Wir sind oben. Künftig werde ich beim Krafttraining nicht mehr schummeln.