Keiner jonglierte länger, weiter und spektakulärer als er: Der Solothurner Paul Sahli stellte 64 Weltrekorde auf und traf die Allergrössten des Weltfussballs. Diese Erinnerungen halfen ihm über schwere Schicksalsschläge hinweg.

Er balanciert den weissen Ball auf den roten Schuhen, streckt den Daumen in die Höhe und lächelt in die Kamera. So, wie er es Mal für Mal gemacht hat, wenn er wieder einen neuen Weltrekord im Balljonglieren aufgestellt hat. Von seiner Präsenz hat Paul Sahli nichts verloren, wohl aber von seiner Beweglichkeit.

Es ist ein Freitagabend im November. Paul Sahli hat sich in Schale geworfen: rotes Shirt, rote Hose, rote Schuhe. Auf jedem Kleidungsstück prangt das weisse Schweizer Kreuz. Später werden Xhaka und Co. mit einem 1:0 gegen Georgien die Tür zur EM weit aufstossen – und Paul Sahli wird im Untergeschoss seines Einfamilienhauses im Solothurnischen Lostorf mitleiden. In einem Raum, der gleichzeitig Museum, Bar und Therapieraum ist. An den Wänden hängen Wimpel, Schals, Trikots und Fotos, auf dem Tresen stehen Bierkübel, im Raum Laufband, Rudergerät und Powerplate. Paul Sahli, mittlerweile 71, trainiert seinen Körper täglich. Nicht mehr wie früher, um möglichst lange jonglieren zu können, sondern um überhaupt noch einigermassen normal die Treppe hochzukommen.

Seit einem Autounfall im Jahr 2009 ist er nach einem IV-Entscheid Rentner. Sahli erlitt Schwere Rücken- und Schulterverletzungen, ein Schleudertrauma, eine Netzhautablösung und einen Tinnitus mit Hörverlust. „Der Rücken bereitet mir heute noch Probleme.“ Er hinkt, hat Gleichgewichtsstörungen und geht gebückt wie ein alter Mann. Nicht wie einer, der 64 Weltrekorde aufgestellt hat.

Zehn Jahre nach dem Unfall spürt er dessen Folgen aber nicht nur am Körper, sondern auch auf dem Bankkonto. Die SUVA zahlt nicht, sagt, Sahli wäre aufgrund von Rückenproblemen auch ohne Unfall arbeitsunfähig geworden. Nach zehn Jahren ist der Bieler müde geworden, will nicht mehr gegen die Justiz kämpfen. Viel lieber erinnert er sich an seine Karriere als Balljongleur zurück.

Über 14 Stunden den Ball hochgehalten
Mit 64 Weltrekorden war Paul Sahli einst der meist eingetragene Mensch im Guinness Buch der Rekorde. Keiner konnte so schnell, so weit, so hoch und so lange jonglieren wie er. Um die 100 Meter jonglierend zurückzulegen brauchte Sahli 1986 in Oslo nur 18,55 Sekunden. Ein Jahr zuvor lief er in Zürich ebenfalls jonglierend 25 Kilometer. Und 1987 stellte er wiederum in Oslo mit 14 Stunden 17 Minuten und 40 Sekunden einen neuen Weltrekord im Non-Stop jonglieren auf.

Sein spektakulärster Weltrekord? „Der mit der Feuerwehrleiter“, sagt er, nimmt das Handy auf dem Tisch zur Hand und präsentiert Fotos seines früheren Ichs. Hat er heute Glatze und ist kahl rasiert, trug er damals Locken und einen Schnäuzer. Durchtrainiert und drahtig steht er auf einer Feuerwehrleiter, die er rückwärts besteigt. 111 Sprossen schafft er, 30 Meter. „Leider war die Leiter nicht länger“, sagt er und lacht.

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Der Stolz ist ihm ins Gesicht geschrieben. Vor allem, wenn er von seinen drei Auftritten im „Wetten dass…?“ erzählt. Sahli der Wettkönig. Aus dem 1,55 m kleinen Mann wurde ein grosser TV-Star.

Als Junior kickte Paul Sahli für verschiedene Clubs in der Region Biel-Seeland, ehe er es beim FC Biel in den Kader der 1. Mannschaft schaffte. Der Durchbruch als Stammspieler gelang ihm bei den Seeländern aber nie. Er sei schnell gewesen, technisch herausragend, aber einige Zentimeter zu klein. Im Amateurbereich hinterliess Sahli trotzdem seine Spuren, wurde unter anderem Torschützenkönig in der regionalen 2. Liga des Fussballverbandes Bern/Jura.

Bald schon zog es ihn auf die Trainerbank. Bei der Ausbildung zum C-Diplom fiel erstmals sein unheimliches Jongliertalent auf. „60 Meter sollten wir schaffen, ohne dass der Ball herunterfällt. Ich schaffte 600 Meter.“ Als Paul Sahli die Woche darauf vom Arbeiten nach Hause kam, lag ein herausgerissenes Inserat auf dem Küchentisch. „Schweizer Meisterschaft im Fussballjonglieren – Vorausscheidung“: „Meine Frau meinte, ich soll mein Glück versuchen, doch ich wollte erst nicht so recht.“ Schliesslich gab sich Sahli doch einen Ruck.

“Ich erinnere mich noch genau“, sagt er und gestikuliert wie wild, „ich war der erste in diesem Einkaufscenter, der sich der Qualifikation stellte. Es war morgens vor 10 Uhr, ich holte mir ein Gipfeli und einen Kaffee.“ Das Gebäck verdrückt, habe er die Tasse hingestellt in der Annahme, sie bald wieder in den Händen zu halten. Doch falsch gedacht. Der Kaffee wurde kalt.

Nach 30 Minuten hatte Sahli den neuen Schweizer Rekord geknackt und schraubte diesen auf unglaubliche 58 Minuten hoch. Einige Wochen später an den Schweizer Meisterschaften stoppte er seinen Versuch nach 1 Stunde und 30 Minuten. Schliesslich war der Ball bei allen anderen Teilnehmern bereits heruntergefallen. Sahli hatte den Titel auf sicher. „Und Valentin Vieli vom Schweizer Fernsehen hat mich gestresst, ich musste ins Sportpanorama“, sagt Sahli und schmunzelt.

Die Medien wurden auf den Ballkünstler aufmerksam. Er war ein gefragter Mann, wurde für Events gebucht. Mangels Zeit legte er sein Amt als Spielertrainer bald nieder. Es folgten aufregende Jahre und spannende Begegnungen. Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Fotos an den Wänden und auf Sahlis Handy.

Der erste Weltrekord
Der 71-Jährige wischt über den Bildschirm. An seiner Seite Pelé, Maradona, Hitzfeld, Federer – um nur einige zu nennen. „Meine Frau sagt immer, ich solle ein Buch schreiben“, sagt er und fügt lachend an: „Reden und schreiben kann ich ja.“ Ausführlich und detailreich erzählt er einige Episoden von damals. Von seinem ersten Non-Stop-Weltrekord, den er 1985 im deutschen Esslingen/Berkheim aufgestellt hat. „Der Fussballverein feierte sein 90-jähriges Bestehen und die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft war zu Gast“, erinnert sich Sahli. 13 Stunden und 13 Minuten jonglierte er den Ball an jenem Tag auf seinen Füssen – neuer Weltrekord. „Ich hätte noch länger können, aber es war eine schöne Schnapszahl.“

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Auf den Schultern der Einheimischen sei er ins Festzelt getragen worden, aus 3000 Kehlen ertönte „Hoch soll er leben“. „Das war etwas vom Schönsten, was ich je erlebt habe.“ Anschliessend durfte Sahli neben Weltmeister Franz Beckenbauer das Abendessen einnehmen. „Der war mir bis dahin eigentlich eher unsympathisch. Aber das hat sich an diesem Abend schlagartig geändert. Vielleicht auch, weil er von meiner Leistung beeindruckt war.“ Geredet habe der Beckenbauer mit ihm, als hätte er ihn schon 20 Jahre gekannt. „Du bist doch verrückt: Du kannst 13 Stunden jonglieren aber arbeitest noch!? Hol dir einen Manager, du musst dich besser verkaufen!“

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Sahli aber wollte das nicht. Für ihn blieb das Jonglieren trotz des enormen Trainingsaufwandes bloss ein Hobby. Er schuftete immer Vollzeit als Mechaniker. Reich sei er durch das Jonglieren nicht geworden, „aber reich an Erinnerungen“.

Es folgen die nächsten Episoden. Kapitel „Maradona“: „Schweiz-Argentinien 1986 im Letzigrund. Ich war als Pausenattraktion gebucht, machte mich in meiner Kabine warm, als plötzlich Diego vor mir stand. Er wollte wissen was ich hier mache, da habe ich ihm erklärt, dass ich in der Halbzeitpause jonglieren werde.“ Es sei nicht lange gegangen, ehe die ganze Argentinische Nationalmannschaft – welche sechs Wochen später Weltmeister wurde – um ihn herum gestanden sei. Gemeinsam mit Maradona habe er jongliert, ehe dieser gefragt habe, ob er das auch mit dem Rugbyball könne. „Si, si, posible“, so Sahlis Antwort. „Nach acht Berührungen ist ihm der Rugby heruntergefallen. Ich habe nach 50 aufgehört. Danach hat mich Maradona umarmt und zu sich in die Kabine eingeladen.“ Natürlich hat Sahli ein Beweisfoto, auch wenn er es nicht auf Anhieb findet, sondern erst später, im Büro. „Wir sahen aus wie Brüder, beide hatten Locken, er trug Bart, ich Schnauz.“

Maradona und Sahli. Foto zvg

Paul Sahli sprüht vor Energie und Lebensfreude, wenn er von seinen Erlebnissen erzählt. Das war nicht immer so.

Auch den Krebs besiegt
Zwei Jahre nach dem Autounfall, der ihn zum Invaliden gemacht hat, erhielt Paul Sahli die Diagnose Prostatakrebs. „Es war ein Schock für mich. Ich hatte nie geraucht, nie gesoffen.“ Die Fröhlichkeit ist aus seinem Gesicht gewichen, als er von den schlimmsten Jahren seines Lebens erzählt. Wieso ich? fragte sich Sahli immer wieder.

Tagelang sei er in seinem Sessel gesessen und habe einfach an die Decke gestarrt. „Ich konnte es lange nicht akzeptieren, dass es mich erwischt hatte. Doch es war mein Schicksal, ich musste es tragen.“ Die Zeit nach der OP und den Bestrahlungen ging nicht spurlos an ihm vorbei. „Ich verkroch mich zu Hause, habe mich abgekapselt.“ Doch er besiegt den Krebs. „Mein Doktor meinte danach, er hätte nicht gedacht, dass er mich durchbringe. Ein solch aggressiver Krebs – er gab ihm das Level 9/10 – sei eher selten.“ Heute ist Paul Sahli vom Krebs geheilt.

Die Begeisterung kehrt in seine Stimme zurück, als er mit dem Kapitel „Pelé beginnt: „Im Manor in Luzern war eine Veranstaltung, an der unter anderem Pelé Autogramme schrieb. Während ich am Morgen arbeitete, riefen die mich an, ob ich nicht vorbeikommen und ein wenig jonglieren könne.“ Sahli fragte seinen Chef, der ihm mit den Worten: „Was machst du noch hier?“ frei gegeben habe. „Pelé war gerade bei einem Radiointerview, als ich vor dem Manor zu jonglieren begann. Ich ging rückwärts eine Leiter hoch, da bemerkte ich im Augenwinkel, wie er mich beobachtete. Dann lief er dem Reporter einfach davon, um mir zuzusehen. Pelé! Das muss man sich mal vorstellen! Er kenne mich, habe mich schon oft am Fernsehen gesehen, meinte Pelé, als ich wieder auf dem Boden war.“

Sahli und Pelé. Foto zvg

Es folgen weitere Anekdoten aus seinem Leben. Von Dortmund, wo er an der WM 2006 vor dem Spiel zwischen der Schweiz und Togo jonglierend vom Friedensplatz über einen drei Kilometer langen roten Teppich bis zum Westfalenstadion gelaufen sei. Von Karl-Heinz Riedle, mit dem er sich an jenem Abend nach dem Spiel beim Abendessen sehr gut unterhalten habe. Und natürlich vom einen oder anderen Weltrekord, den er aufgestellt hat. Der kleine grosse Paul Sahli.