Seit elf Monaten ist Stefan Egli Teil der Schweizergarde und beschützt Papst Franziskus. Momentan kämpft das Korps aber gegen einen unsichtbaren Feind, dem die auf morgen geplante Vereidigung der neuen Gardisten zum Opfer fiel.

Es ist Punkt 13.30 Uhr, als das Telefon surrt. Eine ausländische Nummer leuchtet auf dem Display auf, dazu das Bild eines gepflegten Mannes: Kantiges Gesicht, glatt rasiert, kurz geraspeltes Haar. Eine blau-gelb-rot gestreifte Uniform am Körper, ein schwarzer Helm mit rotem Federschmuck in der Hand. Am anderen Ende der Leitung ist Stefan Egli, 26, aufgewachsen in Altishofen, gross geworden in Grosswangen. «Ich habe gut gegessen und geniesse gerade die Mittagspause, bevor es bald wieder losgeht.» Seit elf Monaten ist Rom sein neues Zuhause, genauer gesagt die Kaserne im Vatikanstaat. Als einer von 111 Schweizergardisten sorgt Egli für die Sicherheit von Papst Franziskus. «Acriter et fideliter», tapfer und treu.

Fotos zvg

Viele Wege führen nach Rom. Dass Stefan Egli in der italienischen Hauptstadt gelandet ist, dafür zeichnen zwei ehemalige Gardisten verantwortlich: ein Grossonkel und ein Bekannter aus dem Turnverein. Durch Erzählungen und Bilder entfachten sie in Stefan Egli schon früh das Feuer für die Schweizergarde. «Bereits in der Schulzeit war für mich klar, dass ich einmal Teil dieses Korps werden möchte.» Bis es aber so weit sein sollte, zogen noch einige Jahre ins Land.

Der strukturierte Werdegang
Stefan Egli ist ein Bauernsohn und sich das Anpacken gewohnt. Da der Vater auswärts arbeitete, mussten die vier Söhne schon in jungen Jahren auf dem elterlichen Hof auf dem Wellberg mithelfen. Diesen dereinst zu übernehmen, kam für ihn aber nie infrage. «Mein Herz schlug immer schon mehr für die Maschinen als für die Tiere.» Also erlernte er nach der obligatorischen Schulzeit den Beruf des Automobilmechatronikers, ehe er den Militärdienst absolvierte.

Rekrut Egli rückte in Thun ein, Log RS 50 als Panzer-Mechaniker. Er stellte seine Führungsqualitäten unter Beweis, machte die Offiziersschule und übernahm anschliessend einen Zug. Über 400 Tage verbrachte er im grünen Tenü. «Zum Schluss hatte ich Abnützungs­erscheinungen und ehrlich gesagt genug vom Militär.» Seinen Traum von der Schweizergarde schob er deshalb erst mal auf die lange Bank, drückte stattdessen wieder jene der Schule und bildete sich zum Technischen Kaufmann weiter. Stehen bleiben und sich ausruhen liegt nicht im Naturell von Stefan Egli. Später will er sich der Polizei anschliessen. Die Zeit in der Schweizergarde soll als Übergang dienen.

Am 31. Mai des vergangenen Jahres hob der Flieger Richtung Rom ab. An Bord: Stefan Egli. Im Gepäck: jede Menge Erwartungen. «Ich hatte schon viel von der Schweizergarde gehört und im TV gesehen. Dann aber plötzlich selber in der Uniform bei der Audienz zu stehen und den Papst zu beschützen, war schon ein spezielles Gefühl.» Stolz schwingt mit in der Stimme, die so gradlinig und klar ist wie die Vorgaben, welche angehende Gardisten zu erfüllen haben (siehe Kasten). Mit seinen 190 Zentimetern Körperlänge überragt Stefan Egli das Garde-Mass locker. Mehr Mühe bereitete dem Grosswanger anfangs die zweite Dienstsprache.

Uno, due, tre und Spaghetti seien die einzigen Wörter gewesen, die er beherrscht habe, sagt er und lacht. Im ersten von zwei Ausbildungsmonaten erlernten die Männer in einem Intensiv­kurs die italienische Sprache. Bis zu fünf Stunden am Tag büffeln war angesagt: «Am Anfang war es schon happig, aber sobald die Grundlagen geschaffen waren, ging es zügig voran.» Nebst Italienisch standen Nahkampf, Handhabung der Pistole, Marschieren, Wachablösung sowie Theorie auf dem Programm. Den zweiten Ausbildungsmonat verbrachten die Gardisten auf dem Waffenplatz in Isone, wo sie von der Kantonspolizei Tessin geschult wurden. In der Garde wird viel Wert auf Pünktlichkeit gelegt. Zuspätkommen ist keine Option. Dies musste auch Stefan Egli merken. «Es war zur Anfangszeit», beginnt er. «Wir haben verschiedene Dienstlisten, auch für Sonn- und Feiertage. Da habe ich einmal auf die falsche Liste geschaut und habe meinen Einsatz verpasst.» Die Folge: Strafarbeit. Zwei Stunden musste Egli dem Armiere dabei helfen, die Rüstungen bereitzustellen.

Der beliebte Posten
Die Päpstliche Schweizergarde beschützt den Papst. Doch wieso braucht das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche überhaupt Schutz? Hat er Feinde? «Eine direkte Bedrohung, wie es sie früher gegeben hat, kennt man nicht mehr», sagt Egli und spricht damit das am 13. Mai 1981 verübte Attentat auf Papst Johannes Paul II. an. Doch erstens wolle man es gar nicht darauf ankommen lassen und zweitens könne dem Papst auch wehtun, wer gar keine bösen Absichten habe: «Im Übereifer könnten die Gläubigen den Papst leicht erdrücken. Dies zu verhindern ist eine unserer Hauptaufgaben.» Zudem bewacht die Schweizergarde die Zugänge zum Vatikan, dem mit 0,44 Quadratkilometern kleinsten Staat der Welt.

Der Posten an der Porta Sant’Anna ist der beliebteste bei den Hellebardieren. «Hier sind wir zu viert; man kontrolliert den Zutritt der Vatikanangestellten, kommt mit Pilgern und Touristen in Kontakt und kann auch mit den Kollegen sprechen, wenn nicht viel los ist», sagt Egli. Meistens herrscht vor dem Haupteingang aber emsiges Treiben. Der Vatikan ist ein Besuchermagnet, zieht jährlich mehrere Millionen Touristen an. Stefan Egli: «Wir machen jeweils ein Spiel daraus und schliessen Wetten ab: Wer aus dem Pulk kommt auf uns zu? Aus welchem Land stammt die Person? Welche Sprache spricht sie?» Mittlerweile könne er die Leute ziemlich gut einschätzen.

Oft rücken aber die Gardisten selbst  in den Fokus. Sie sind ein beliebtes Foto­sujet. «Fragen beispielsweise Familien nach einem Foto, die ein Jahr oder mehr sparen mussten um sich diese Reise leisten zu können, nehmen wir uns gerne Zeit für sie. Natürlich nur, sofern es der Dienst erlaubt», sagt Egli. Touristen, die beim Vorbeigehen noch einen Schnappschuss machen wollen, vertrösten sie hingegen. «Wir entscheiden situationsbedingt.»

Der unsichtbare Gegner
Die Wenigsten bekommen das Innere der heiligen Mauern zu sehen: Nur wer eine gültige Zutrittsberechtigung vorweisen kann, erhält Zutritt zum Vatikan. Die meisten würden dies verstehen, doch es gebe auch solche, die diskutieren. «Ins weisse Haus darf ja auch niemand einfach so hereinspazieren», äussert Egli sein Unverständnis gegenüber den Uneinsichtigen. Gewalt musste er noch nie anwenden. Momentan ist es ruhig an der Porta Sant’Anna. Ruhiger, als den Gardisten lieb ist. «Die Strassen von Rom sind wie ausgestorben», sagt Stefan Egli. Nur die Carabinieri und das Militär patrouillieren. Wie die Schweizergarde kämpfen auch sie gegen einen unsichtbaren Gegner, der sich weder mit Gewalt vertreiben lässt noch eine Zutrittsberechtigung braucht, um sich Zugang zum Vatikan zu verschaffen: das Coronavirus.

Während die Italiener unter Quarantäne stehen, können sich die Gardisten immerhin im Vatikan unter Einhaltung der geltenden Sicherheitsmassnahmen frei bewegen. Die Besucher bleiben aber seit Wochen aus. Die Ostermesse im Petersdom hielt Franziskus vor einer Handvoll Personen. Normalerweise lauschen seinen Worten auf dem Petersplatz Tausende Ohren. «Es war schon traurig, wenn man es vergleicht mit den Vorjahren», sagt Egli. Auch die auf morgen Mittwoch angesetzte Vereidigung der neuen Gardisten musste auf den Herbst verschoben werden. Sie gilt als Höhepunkt in der Laufbahn eines Schweizergardisten. «Natürlich ist es schade, vor allem weil die ganze Familie und viele Freunde anwesend gewesen wären, Flug und Hotel bereits gebucht waren», sagt Egli. Nun müsse er halt im Herbst seine Fähigkeiten als Fremdenführer unter Beweis stellen.

«Rom ist gross, hat unzählige schöne Plätze. Nach Feierabend gehen wir oft raus und schauen uns Sehenswürdigkeiten an.» An freien Tagen führe die Reise auch mal ans keine 40 Kilometer entfernte Mittelmeer. «Ich wollte nie in die Schweizergarde, um meine Freizeit in der Kaserne abzusitzen, sondern um etwas von Rom und Italien zu sehen», sagt Egli. So war er mit seinen Kameraden schon in Neapel oder Florenz. «Wir arbeiten sechs Tage am Stück, haben dann drei Tage frei, sofern keine Zusatzdienste anstehen. Diese nutzen wir oft für etwas längere Ausflüge.»

Der berühmte Gesprächspartner
Sowieso verhält sich vieles zwischen den Schweizergardisten und dem Vatikan wie zwischen Belegschaft und Arbeitgeber. Die Gardisten haben vier Wochen Ferien pro Jahr und erhalten einen Lohn von 1500 Euro pro Monat – inklusive Kost, Logis und Versicherung. «Reich wird man hier nicht. Aber man kommt ja auch nicht des Geldes wegen.» Die Garde geniesse weltweit hohes Ansehen, es sei ein Privileg, Teil des Korps sein zu dürfen. Tatsächlich kann wohl kaum jemand von sich behaupten, dem Papst je die Hand geschüttelt zu haben. Egli schon. Er durfte sogar mit Franziskus am gleichen Tisch sitzen. «Alle fünf Jahre isst der Papst mit den Gardisten zusammen. Wir waren erst ein paar Wochen hier, als wir dies miterleben durften. Das war schon speziell. Man muss sich vor Augen führen: Das ist der Papst, der mit dir am gleichen Tisch sitzt und dich fragt, wie es dir geht.» Egli tönt noch heute leicht ungläubig, wenn er von diesem Treffen spricht. Der Papst habe zwar keine politische, dafür umso mehr moralische Macht. «Die Staatsoberhäupter besuchen ihn, nicht umgekehrt.»

Trotz des weltweit hohen Ansehens gab es ausgerechnet in Eglis Heimat auch kritische Stimmen. «Im Dorf begegnete ich einigen die sagten: ‹Was willst du denn dort unten?›» Es gebe eben überall Leute, die nichts mit der Kirche oder dem Militär anfangen könnten. «In die Schweizergarde kommt man aufgrund des Glaubens oder seiner militärischen Überzeugung.» Egli sieht sich zu beidem hingezogen, wobei er betont, das Gleichgewicht halten zu wollen. Während andere jeden Tag in die Kirche gehen, besucht er jeweils die Sonntagsmesse. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm das Militärische gefällt. Er wolle nicht Priester werden, sondern sich im Sicherheitsbereich der Polizei anschliessen. Einmal mehr klare Vorstellungen also, ein konkreter Plan. Im Juli des kommenden Jahres endet seine obligatorische Dienstzeit. Er könne sich aber gut vorstellen, noch ein Jahr länger in Rom zu bleiben, weitere Erfahrungen zu sammeln.

Es ist kurz nach 14.40 Uhr, als sich das Gespräch dem Ende neigt. Stefan Egli wird sich nochmals aufs Ohr legen, bis seine Abendschicht beginnt. Der Wecker ist gestellt.

 

Seit 1506 dem Papst zu Diensten

Die Päpstliche Schweizergarde sichert den Apostolischen Palast sowie die Zugänge zur Vatikanstadt und ist für die persönliche Sicherheit des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche und seiner Residenz verantwortlich.

Papst Julius II. gründete 1506 die Päpstliche Schweizergarde, indem er Schweizer Reisläufer nach Rom berief, die den Vatikan schützen sollten. Während der Plünderung Roms (Sacco di Roma) am 6. Mai 1527 starben 147 von 189 Schweizergardisten. 42 Gardisten hingegen konnten den Papst in die nahegelegene Engelsburg via «Passetto di Borgo», einem geheimen Fluchtgang in der Stadtmauer, retten. Einen Monat nach dem Angriff ergab sich der Papst und die Garde wurde von 200 deutschen Söldnern ersetzt. Unter Papst Paul III. wurde die zweite Schweizergarde 1548 neu aufgestellt. Infolge der Französischen Revolution besetzten am 16. Februar 1798 französische Truppen den Vatikan. Papst Pius VI. musste Rom verlassen, die zweite Garde aufgelöst werden. 1800 stellte Karl Leodegar Pfyffer von Altishofen unter Pius VII. die dritte Schweizergarde auf. Momentan zählt die Schweizergarde 111 Mann.

Wer Gardist werden will, hat elf Kriterien zu erfüllen: Anwärter müssen den katholischen Glauben praktizieren, Schweizer Bürger, männlich, ledig, zwischen 19 und 30 Jahre alt und mindestens 174 Zentimeter gross sein. Zudem müssen sie gesund sein und einen einwandfreien Leumund vorweisen können. Ebenfalls ein Muss: eine abgeschlossene Berufslehre EFZ oder die Matura und eine abgeschlossene Rekrutenschule. Der Kandidat muss ausserdem bereit sein, sich für mindestens 26 Monate in den Dienst der Päpstlichen Schweizergarde zu stellen.