Es liegt vor mir auf dem Küchentisch. Staubig und etwas mitgenommen, doch gerade das macht den Charme dieses Sammlerstücks aus. Auf der Frontseite die Flaggen aller 32 Nationen. Dazu das Maskottchen. Dieser stolze Gockel im blauroten Federkleid, mit dem Ball in der Hand – zum Dahinschmelzen. Was für andere die Bibel, ist für mich das Panini-Sammelalbum der Fussball-WM 1998.

Obwohl zu jenem Zeitpunkt erst sieben Jahre jung, ist mir das Turnier in Frankreich bis heute in bester Erinnerung geblieben. Keine WM oder EM, die in mir mehr Emotionen hochkommen lässt und deren Bilder vor meinem geistigen Auge so präsent, so farbig sind. Selbst die Szenen von Frankreichs WM-Triumph 2018 in Russland scheinen grau verblasst im Gegensatz zu jenen kurz vor der Jahrtausendwende. Das Golden Goal von Laurent Blanc gegen Paraguay: Emotionen pur. Der Siegtreffer von Dennis Bergkamp im Viertelfinal gegen Argentinien: ein Gemälde. Lilian Thurams Jubel nach seinem zweiten Treffer im Halbfinal gegen Kroatien: legendär. Diese Bilder, untermalt mit dem offiziellen WM Song «The Cup of Life» von Ricky Martin: unbezahlbar.

Aber eben auch bittersüsse Nostalgie. Einerseits sind da diese wunderschönen Erinnerungen an eine Zeit, in der sich alles um das runde Leder drehte. Auf der anderen Seite die böse Vorahnung, dass es in absehbarer Zeit und womöglich gar nie mehr zu einem solch berauschenden Fussballfest kommen wird. Was mir Sorgen bereitet ist einerseits Corona, klar. Viel mehr jedoch der Fussball selbst oder besser gesagt das ganze Drumherum. Der Kommerz. Überbezahlte Teenager, die längst die Bodenhaftung verloren haben. Thea­tralische Zeitschinder. Berater, die ihre Taschen nicht voll genug kriegen können. Eine WM in Katar. Top-clubs, die eine eigene europäische «Super League» planen. Treffender als Uwe Seeler hat es nie jemand formuliert: «Es ist dieses Ich, Ich, Mehr, Mehr, es ist diese verdammte Gier, die alles kaputt macht.»

Mit diesen Worten im Ohr blättere ich durch das Panini-Album der WM 1998, das vielleicht etwas an Glanz, ganz bestimmt aber nicht an Seele(r) verloren hat – trotz oder gerade wegen der 37 Lücken, die bis heute klaffen.