Das Rote Kreuz wird häufig mit Katastrophenhilfe im Ausland in Verbindung gebracht. Doch die freiwilligen Helferinnen und Helfer stehen auch in der Region im Einsatz. Der Uffiker Seppi Bühlmann etwa fährt regelmässig für das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Luzern.

Der Verkehr stockt schon weit vor Willisau, die Blechlawine zieht sich bis zur Wydenmühle. Es ist Dienstagabend, kurz nach halb sechs. Josef Bühlmann, 76, kariertes Hemd, kräftige Arme, breites Lächeln, sitzt am Steuer seines Citroën C5. Wie so oft. Als freiwilliger Helfer beim Fahrdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) Kanton Luzern ist der Uffiker beinahe mehr unterwegs als zu Hause. Von Dienstag bis Freitag fährt er bedürftige Menschen jeglichen Alters von A nach B, manchmal quer durch die Schweiz. Und dies schon seit mehr als sechs Jahren.

Auf den Fahrdienst des Roten Kreuzes aufmerksam geworden ist Josef Bühlmann – «Seppi länget» – am Zentralschweizerischen Jodelfest 2013 in Reiden. Als Shuttlebus-Fahrer im Einsatz, wurde er von einem Kollegen angesprochen, der bereits beim Fahrdienst des SRK tätig war: «Du wärst doch einer für uns.» Und Seppi, Zeit seines Lebens ein Krampfer, war wahrlich auf der Suche nach einer etwas ruhigeren Arbeit. Nach seiner Pensionierung schuftete der Landwirt als Betriebshelfer. «Das Angebot kam zur richtigen Zeit», sagt er. Noch in der gleichen Woche registrierte sich Seppi Bühlmann als Fahrer, montierte das Fahrdienst-Magnet mit dem roten Kreuz auf seinem Auto und leistete seinen ersten Freiwilligendienst. Nachdem er die Aushilfe auf dem Hof sauber zu Ende gebracht hatte, setzte er sich mit 70 Jahren regelmässig hinters Steuer.

Die Vertrauensperson
Seppi Bühlmann hat die Kolonne überwunden, nimmt Kurs Richtung Wolhusen. Im Heilpädagogischen Kinderhaus Weidmatt, das zur Stiftung Schwerbehinderte Luzern (SSBL) gehört, wartet mit dem kleinen Nelio der nächste Fahrgast. Der freiwillige Helfer fährt ihn heute zum ersten Mal und wird ihn ab jetzt jeden Dienstag nach Hause begleiten. Was Nelio für ein Handicap hat, weiss Seppi Bühlmann nicht. Muss er auch nicht. «Manche erzählen von sich aus, manche möchten nicht darüber reden. Ich habe weder mit dem einen noch mit dem anderen ein Problem.» Für seine Gäste hat der Fahrer aber stets ein offenes Ohr. Für viele wird er zur Vertrauensperson. «Wenn ich jemanden zur Dialyse oder Bestrahlung fahre, sehe ich die Person drei-, viermal pro Woche. Da bleibt reichlich Zeit für Gespräche.» Bei ihm könnten sie allen Ballast abwerfen, mit ihm ihre Sorgen teilen, sagt Seppi Bühlmann. Er sei kein Seelendoktor, könne niemanden heilen. «Aber gut zuhören und auch mal einen guten Rat mit auf den Weg geben oder die Leute aufmuntern, das kann ich.» Wahrlich, Seppi Bühlmann umgibt eine positive Aura. Auch er wird hie und da mit Problemen konfrontiert. «Aber es gibt nichts, was man nicht lösen könnte.» Er hadert weder mit dem eigenen Schicksal noch mit jenem seiner Klienten. «Akzeptieren, sich mit der Situation arrangieren und nach vorne schauen» ist seine Devise. «Sonst wird man griesgrämig. Und das hilft niemandem.» Diesen Rat gibt er auch mal an Fahrgäste weiter, da sei er sehr direkt. «Aber mit Ehrlichkeit fährt man am besten.»

Ankunft beim Kinderhaus Weidmatt. Seppi Bühlmann ist früh dran, wie immer. «Ich will keinen Stress haben. Das würde sich nur auf die Fahrgäste abfärben.» Er holt seine Mappe hervor, in der er die Aufträge fein säuberlich abgelegt hat. Nelio ist der zweite Fahrgast des Tages. Eine vergleichsweise kurze Strecke, Bühlmann ist sich durchaus anderes gewohnt. Oft fährt er Klienten beispielsweise nach Zürich in die Universitätsklinik Balgrist. Die Tour sei nicht die beliebteste. Wenn man sich in der Stadt nicht so gut auskenne, sei es «scho e Soucheib», gibt Seppi Bühlmann zu. Er selber hat jedoch keine Probleme. Der gebürtige Ruswiler war schon in jungen Jahren gerne auf der Strasse unterwegs. Und er ist es auch heute noch. «Der Fahrdienst gibt mir eine Struktur, eine Aufgabe. Ich komme nicht nur mit vielen Leuten in Kontakt, sondern auch an Orte, die mir sonst verborgen blieben. Das gefällt mir.» Das Rezept für einen perfekten Lebensabend komplettiert ein gutes Glas Rotwein nach getaner Arbeit. «Das Leben ist zu kurz um schlechten Wein zu trinken», sagt er und lacht.

Der Humorvolle
Die Tür der Weidmatt öffnet sich. Eine Betreuerin bringt Nelio zum Auto respektive «Taxi», wie es der Kleine nennt. Mit leuchtenden Augen begutachtet er den Citroën. Seppi Bühlmann geht auf den Jungen zu, gibt ihm die Hand: «Ech be de Seppi ond fahre dech zom Mami ond Papi hei.» Er bringt den Kindersitz auf der Rückbank an, als die Stimmung beim kleinen Fahrgast plötzlich kippt. Die anfängliche Vorfreude weicht Unsicherheit, als er sich in ein fremdes Auto setzen soll. Tränen kullern über seine Wangen. Nach einigen Minuten aber hat die Betreuerin den Jungen beruhigt, die Fahrt kann losgehen. «Ich bin für ihn noch ein fremdes Gesicht. Nächstes Mal wird es einfacher sein, weil er mich dann schon einmal gesehen hat und erkennt», sagt Seppi Bühlmann, ehe er den Motor startet. Die Tränen sind schnell getrocknet. «Gohts guet, Nelio?» – «Mhm» – «Glii besch bim Mami ond Papi, gäu!?» – «Mhm». Der Redebedarf des kleinen Mannes ist überschaubar. Das merkt auch Seppi Bühlmann. «Lassen wir ihn doch erst einmal ankommen.»

Während die Weidmatt im Rückspiegel verschwindet, erzählt Seppi Bühlmann von früher. Obwohl auch er es nicht immer leicht hatte und sich die Fahrgäste oftmals in schwierigen Lebensphasen befinden, wird Humor im «Taxi Seppi» grossgeschrieben. Der Pensionär ist nicht auf den Mund gefallen, im Gegenteil. «Du musst mal eine Pointe bringen oder einen Spruch raushauen, das macht das Leben viel einfacher und lebenswerter.» Immer wieder lacht er laut los. Mal nach einem eigenen Witz, mal, wenn er von seinen Gästen erzählt. «Jene, denen du es eigentlich nicht zutrauen würdest, die ansonsten nicht viel erzählen, haben oftmals den trockensten Humor.» Regelmässig lache er sich Krämpfe in den Bauch, wenn ein Satz mit: «Seppi, kennst du den schon …» beginne.

Der Dauerbrenner
Für den freiwilligen Fahrdienst des Roten Kreuzes Kanton Luzern legte Seppi Bühlmann 2020 rund 10’000 Kilometer zurück. Meist sind es fixe Fahrten, mal wird er auch kurzfristig aufgeboten. Die Anfragen kommen über die Zentrale her­ein, die Fahrerinnen und Fahrer können Fahrten ablehnen oder annehmen und kennen ihren Dienstplan bereits einen Monat im Voraus. «Wir fahren mit dem eigenen Auto, erhalten eine Kilometerentschädigung und schenken unsere Zeit für die gute Sache.» Noch gut drei Jahre kann er sich als Fahrer zur Verfügung stellen, mit 80 ist wohl oder übel Schluss.

«Sie haben ihr Ziel erreicht.» Punktgenau lotst das Navi Seppi Bühlmann zum Haus von Nelios Eltern. Der Fahrer klingelt, die Mutter und die grosse Schwester öffnen und lernen den neuen Fahrer ebenfalls kennen. Ein weiterer Fahrauftrag ist erfolgreich zu Ende gebracht. Viele weitere werden noch folgen. Doch nun hat Seppi Bühlmann Feierabend. Zu Hause wartet ein feines Glas Rotwein auf den freiwilligen Helfer.

 

450 Freiwillige leisteten 32’000 Einsatzstunden

SRK Kanton Luzern Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) ist die grösste soziale, humanitäre Organisation der Schweiz. In rund 30 Ländern trägt das SRK zum Aufbau von Gesundheitsdiensten und der Bekämpfung von Epidemien bei. Nach Katastrophen leistet das SRK Nothilfe und unterstützt die Bevölkerung bei Wiederaufbau und Katastrophenvorsorge.

In der Schweiz engagiert sich das SRK in den Bereichen Gesundheit, Integration, Migration und Rettung und schützt das Leben, die Gesundheit und die Würde von Menschen in Not. Das SRK besteht aus 24 Kantonalverbänden. 450 Freiwillige haben im letzten Jahr 32’000 Einsatzstunden für das Rote Kreuz Kanton Luzern geleistet. Sie engagieren sich beim Fahrdienst, Notruf und Besuchsdienst, in der Vorsorgeberatung, Familienunterstützung und Integration. Von der Geburt bis zur Palliative Care ist das SRK Kanton Luzern mit unterschiedlichsten Dienstleistungs- und Bildungsangeboten seit bald 125 Jahren fest im Kanton Luzern verankert.

Ein wichtiger Bestandteil des SRK Kanton Luzern ist der 1968 gegründete Fahrdienst. Derzeit sind 170 Fahrerinnen und Fahrer im Pool, die 365 Tage im Jahr fahren und im Coronajahr 2020 37’000 Fahrten ausgeführt haben. Der Fahrdienst vom Roten Kreuz ist kein Taxibetrieb, sondern nur für Menschen da, die aufgrund ihres Alters, einer Krankheit, Verletzung oder Behinderung nicht selber fahren oder den öV nehmen können. Die Fahrerinnen und Fahrer führen Kinder in Sondereinrichtungen, Arbeitnehmer zur Arbeitsstelle oder Hilfsbedürftige zur Therapie. Die Kostenübernahme ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung ist Henry Dunant. Ihm zu Ehren wird am 8. Mai, seinem Geburtstag, jeweils der internationale Rotkreuztag begangen.

Anmeldungen nimmt der Fahrdienst des Roten Kreuzes Kanton Luzern über die Zentrale, Tel. 041 418 74 44, fahrdienst@srk-luzern.ch, entgegen. Fahrten müssen zwei bis drei Tage im Voraus gebucht werden. Weitere Infos finden Sie hier.