Sie hebt pro Tag zwei Stunden Gewichte, ernährt sich nach einem strikten Plan und ist vor Kurzem Schweizer Meisterin im Bodybuilding geworden: Belinda Achermann hat es dank eisernem Willen an die Spitze geschafft. Nun steht die WM vor der Tür.

Ein fester Händedruck, Hanteln und Fitnessgeräte: Wer dies beim Betreten von Belinda Achermanns Wohnung in Dagmersellen erwartet, wird enttäuscht. Fast schon zierlich wirkt die 1.58 Meter kleine Frau in ihrem zotteligen und etwas zu grossen Winterpulli. Doch der Schein trügt. 52.5 Kilogramm pure Muskelmasse versteckt sich unter den Kleidern. Das Produkt harter Arbeit.

Sechs- bis siebenmal pro Woche fährt die 25-Jährige nach Sursee, hebt im Progress Fitness Center Gewichte. 130 Kilogramm beim Kreuzheben, 100 bei den Kniebeugen, 65 im Bankdrücken. Der Fleiss zahlt sich aus: Ende Oktober setzte sich Belinda Achermann an den Schweizermeisterschaften im Natural Bodybuilding in der Kategorie «Figure» gegen all ihre Konkurrentinnen durch. Der Lohn für den Meister-Titel: Die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in New York vom nächsten Wochenende.

 

Die Ernährung

Die Planung sah anders aus. «Ich wäre eigentlich mit meiner Familie nach Wien gereist. Das habe ich nun aber gecancelt, schliesslich kommt eine solche Chance nicht alle Tage.» Statt Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn gibt es Reis, Poulet, Gemüse und Hüttenkäse. Die Ernährung ist im Bodybuilding mindestens genauso wichtig wie das Training. «Ich würde sagen, sie macht etwa 70 Prozent aus», so Belinda Achermann, die seit April einen strikten Ernährungsplan einhält.

Auf der einen Seite verzichtet sie auf ungesunde Fette, Süssgetränke und Schokolade, auf der anderen Seite gehören Kohlenhydrate und Salz zum Speiseplan. «Eine Diät bedeutet nicht möglichst wenig zu essen, sondern ausgewogen und richtig.» Als medizinische Praxisassistentin bei der Hausärzte Region Reiden AG weiss sie, wovon sie spricht. «Für mich ist das Essen nach wie vor ein Genuss. Es wäre das Schlimmste, wenn ich irgendwelche Shakes runterwürgen oder jeden Tag das gleiche essen müsste.»

Nimmt sie während der Aufbauphase – also im Jahr vor den Wettkämpfen – bis zu 2500 Kilokalorien zu sich, sind es momentan noch lediglich 1300. Ziel ist es, den Körperfettanteil zu senken. «Wie hoch er bei mir ist, weiss ich nicht. Der beste Anhaltspunkt für mich ist das Körpererscheinungsbild.» Eine weitere Orientierungshilfe ist das morgendliche Wägen. 28 Wochen Diät liessen beinahe 15 Kilogramm purzeln.

 

Der Weg

Angefangen hat der Fitnesswahn bei Belinda Achermann mit normalem Gewichtheben. «Ich war richtig faul, habe nie Sport gemacht», blickt sie auf ihr jugendliches Ich zurück und lacht. «Doch irgendwann war ich unzufrieden mit meinem Körper.» Über Joggen und Zumba, eine Art Aerobic, verbunden mit lateinamerikanischen Tanzelementen, kommt die damals 20-Jährige mit der Fitness-Szene in Berührung. Sie löst ein Abo, fängt an Gewichte zu stemmen. Das Krafttraining macht ihr Spass. So sehr, dass sie mehr will. Sie wechselt das Center, hebt fortan im «Progress» Gewichte und kommt in Kontakt mit Bodybuildern. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Sie engagiert einen Trainer, löst die Bodybuilding-Lizenz, trainiert härter und länger als je zuvor. Ziel sind die Schweizermeisterschaften 2017, an denen sie schliesslich in den Top-6 landet. Damals trat Belinda Achermann noch im Schweizerischen Bodybuilding und Fitness Verband SBFV an. «Dieser Verband ist grösser und berühmter als jener, dem ich nun angehöre. Mein damaliger Trainer meinte, ich hätte dort grosse Chancen, vorne mitzumischen.»

Nach der Saison trennt sie sich wettkampforientiert von ihrem Coach, nimmt die Sache selber in die Hand und wechselt den Verband. Der SNBF baut auf natürliches Bodybuilding (siehe Kasten). «Ich habe nie illegale Substanzen genommen, auch nicht im SBFV», beteuert Belinda Achermann. Im Natural Bodybuilding misst sie sich mit Gleichgesinnten – wodurch ihre Chancen auf einen Spitzenplatz markant steigen. Dies merkte sie spätestens an den Schweizermeisterschaften vor drei Wochen.

 

Die Strapazen

Neben dem etwas kleineren Pokal für den Sieg in der Kategorie «Figure» steht auf der Kommode beim Eingang die grosse Trophäe, die Belinda Achermann für den Gesamtsieg in ihrer Sparte erhalten hat. Ob sie auch an der WM vorne mitmischen kann? Die gebürtige Richenthalerin zuckt mit den Schultern. «Klar ist es das Ziel, eine möglichst gute Platzierung herauszuholen, aber es ist schon eine riesige Erfahrung, überhaupt teilnehmen zu können», sagt sie und nimmt einen Schluck aus dem Bidon.

In der Woche vor dem Wettkampf stellen Bodybuilder die Ernährung auf den Kopf, entleeren während drei Tagen ihren Glykogenspeicher. Die so in «Hungerzustand» geratene Muskulatur ist nun extrem aufnahmefähig für neues Glykogen, was in den kommenden Tagen durch die Zufuhr von Kohlenhydraten ausgenutzt wird. Ergebnis ist eine volle und pralle Optik der Muskulatur.

Nebst der Ernährung wird auch das Trinkverhalten angepasst. Bis zu zehn Liter rinnen dieser Tage Belinda Achermanns Kehle runter, bevor die «Entwässerung» beginnt: Kurz vor dem Wettkampf wird die Wasserzufuhr beinahe komplett eingestellt. Das zwischen Haut und Muskeln angesammelte Wasser entweicht so dem Körper und sorgt für eine bessere Definition der Muskeln. Wie sieht es mit der Gesundheit aus? «Natural Bodybuilding ist gut für den Körper. In der finalen Wettkampfvorbereitung», gibt sie zu, «ist es aber nicht das Gesündeste». Dank ihres Jobs weiss sie sich jedoch in guten Händen. «Das Entwässern ist für mich die schlimmste Zeit», erzählt Belinda Achermann von ihren Erfahrungen und blickt gleichzeitig auf die kommenden Tage voraus.

Wo liegt der Anreiz, solche Strapazen auf sich zu nehmen? Belinda Achermann zuckt wieder mit den Schultern, lächelt: «Ich mache es einfach gerne.» Vom Bodybuilding nehme sie vieles mit in den Alltag. Selbstvertrauen, Diszi­plin, Durchhaltewillen. «Stop dreaming – start doing»: Der tätowierte Spruch zwischen ihren Schulterblättern ist ihr Lebensmotto. «Du kannst alles erreichen, wenn du willst.» Eine starke Psyche sei Voraussetzung, um es im Bodybuilding ganz nach oben zu schaffen. Reine Kopfsache also. «Mich muss man nicht motivieren, ich gehe bei jeder Einheit an die Grenzen.» Bei ihr wirke das Training wie eine Therapie. Egal ob sie vorher wütend oder traurig sei: «Nachher geht es mir besser.»

 

Die Chance

Bei einem Hobby wie dem Bodybuilding häufig zu kurz kommen Familie und Freunde. Vor allem in der Phase vor dem Wettkampf: Statt auswärts Pizza zu essen, steht zu Hause vorkochen für den nächsten Tag an. Statt ins Kino gehts ins Fitnessstudio. «Klar müssen meine Liebsten viel auf mich verzichten, aber sie stehen zum Glück voll und ganz hinter mir und unterstützen mich.» Auch ihre beiden Arbeitgeber, die Hausärzte Region Reiden, bei denen sie Vollzeit angestellt ist und der LU-Sicherheitsdienst, bei dem sie zwei- bis dreimal pro Monat als Security arbeitet, unterstützen sie. Einerseits durch ein angepasstes Arbeitsprogramm während der Vorbereitung, andererseits auch monetär.

Bodybuilding ist ein teurer Sport. Proteine, Fitness-Abo, Reisekosten, Unterkunft, Klamotten: Mehrere Tausend Franken gibt Belinda Achermann pro Jahr aus. Alles für den perfekten Körper und einen glanzvollen Auftritt vor der Jury. «Alleine mein Wettkampfbikini – massgeschneidert und importiert – kostete 600 Franken.» Auch bei der WM muss sie zum Portemonnaie greifen, Flugticket, Hotel, Startgeld, ja sogar Urin- und Lügendetektortests aus der eigenen Tasche bezahlen. Der Verband steuert nur einen kleinen Betrag bei.

In Zeiten von Social Media wäre die Vermarktung auf Instagram & Co. eine mögliche Einnahmequelle. 2286 Follower zählt Belinda Achermanns Instagram-Profil, die Zahl ist steigend.«Es ist eine Chance, neue Sponsoren zu finden», gibt sie zu. Mit Powerfood und Onafit weiss sie deren zwei an ihrer Seite. Eine Influencerin will sie aber nicht werden. «Es ist wichtig, die Leute mit ins Boot zu holen und sie auf dem Laufenden zu halten, aber es dreht sich nicht alles um Social Media.»

 

Der Lohn

In den nächsten Tagen dreht sich bei Belinda Achermann alles um das grosse WM-Abenteuer. Morgen Mittwoch reist sie gemeinsam mit der 16-köpfigen Delegation des Swiss Teams und Daniel Cueni, der sie die ganze Vorbereitung über unterstützt hat, nach New York. Am Samstag steht der grosse Showdown an. In der Nacht vor dem Wettkampftag kommt die erste braune Farbschicht auf den Körper, am nächsten Morgen die zweite. So sollen einerseits die Muskeln definierter werden und andererseits alle Teilnehmer die gleichen Voraussetzungen bezüglich Teint haben.

Beine hochlagern, relaxen, Stress vermeiden: Das Programm am Wettkampftag ist im Gegensatz zu den Vortagen fast schon gemütlich. Im Aufpumpraum gleich hinter der Bühne werden die Durchblutung der Muskulatur vor dem Auftritt angeregt, die letzten Prozente herausgekitzelt. Dann steht die Präsentation an. Front- und Rückansicht, seitlich links und rechts. Bewertet werden Muskulosität, Symmetrie, Proportionen und Ästhetik. Nach der Eliminations- und der Vorrunde folgt der I-Walk, die Einzelpräsentation. Haare, Make-up, Auftreten.

Ob das Gesamtpaket von Belinda Achermann auch die WM-Jury zu überzeugen vermag, wird sich zeigen. Eines aber ist sicher: «Danach gönne ich mir einen Burger!» Bilder sagen bekanntlich mehr als Tausend Worte. In Belinda Achermanns Fall sind dies weit aufgerissene, leuchtende Augen und ein breites Grinsen.