Alfons Lehni betreibt für Meteo Schweiz seit über 27 Jahren die Messanlage Bodenacher. Kaum etwas erfreut den pensionierten Landwirt und selbsternannten «Wetterfrosch» so sehr wie ein Blick gen Himmel.

Graupelschauer, kalte Temperaturen, zügiger Wind. Das Wauwilermoos zeigt sich an diesem Nachmittag Ende Februar von seiner winterlichen Seite. Mittendrin: Alfons Lehni, 73. Mit Inbusschlüssel, Wascheimer, Lappen und den beiden Grosskindern Johanna und Milena im Schlepptau steht der selbsternannte «Wetterfrosch» in seinem «Gehege» im Bodenacher.

Wartungsarbeiten an der Wetterstation stehen an. So wie alle drei Wochen. Und dies seit 1993. Damals errichtete Meteo Schweiz in Egolzwil einen Windmesser. Dank der exponierten Lage auf der Endmoräne, die das Wauwilermoos vom Wiggertal trennt, fiel die Wahl auf den Standort Bodenacher. 2010 wurde ausgebaut, es kamen diverse Sensoren hinzu, welche Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit, Niederschlagsdauer, Luftdruck, Sonneneinstrahlung, Niederschlagssumme, Windrichtung und -geschwindigkeit sowie Radioaktivität messen. «Hat Gösgen ein Leck, zeigt das der hier an», sagt Lehni und fährt mit dem Lappen über den beigen Stab. Die Messungen dienen gar der Schifffahrt: «Haben wir hier in Egolzwil starke Böen, beginnen die Warnleuchten auf dem Sempacher- und Vierwaldstättersee zu blinken.» Die erfassten Daten werden von der Anlage alle zehn Minuten nach Kloten gesendet. Alfons Lehni schraubt den Behälter des Niederschlagsmessers ab.

«Hier verfangen sich manchmal kleine Äste oder Laub.» Reparaturarbeiten führt er keine aus. Zu sensibel und zu teuer sind die Messgeräte. Er sei nur der Mann vor Ort, der die Wartung übernehme und wenn nötig auch mal den Reset-Knopf drücke.

«Das Wetter spielte schon vor 60 Jahren verrückt»
Alfons Lehni hält sein Gesicht in den Wind, blickt gen Himmel, wie so oft. Er kennt das Wetter rund um den Santenberg. Früher hatte dieses entscheidenden Einfluss auf sein Leben: Lehni belieferte als Gemüsebauer Gourmet-Restaurants in der Region. Seit einigen Jahren aber geniesst er den Ruhestand, hat den Hof im Boden­acher seinem Sohn vermacht, der auf Rindermast umstellte. Mit Ehefrau Ruth hat Alfons Lehni eine Wohnung am Santenberg bezogen. Mit Weitsicht, versteht sich. Hat er nichts zu tun, schweift sein Blick durch die grosse Fensterfront hinweg in die Ferne. So auch heute Nachmittag, nach getaner Arbeit.

Verdünntes Sinalco im Glas, die rote Brille zur Hand, beschreibt er mit Worten und Handbewegungen, welchen Verlauf das Wetter in den nächsten zehn Minuten nehmen könnte. «Entweder es kommt die Aar-Bise und drückt alles Richtung Willisau und Entlebuch. Oder der Südwest-Wind setzt ein, dann sehen wir hier in fünf Minuten keine zehn Meter weit.» Hat sich das Wetter in den letzten Jahren und Jahrzehnten wirklich derart stark verändert, wie alle sagen? «Der Klimawandel ist ja nicht von der Hand zu weisen», sagt Lehni, relativiert aber gleichzeitig: «Schon meine Eltern sagten vor 60 Jahren: ‹Das Wetter spielt verrückt.› Was mit Sicherheit zugenommen hat, ist der Starkregen und in letzter Zeit auch die Stürme.» «Petra», «Sabine», «Bianca»: Alleine im letzten Monat musste einige Male niet- und nagelfest gemacht werden, was einem lieb und teuer ist. «Eine spannende Zeit», sagt Alfons Lehni. Die Augen des 73-Jährigen leuchten wie jene eines kleinen Kindes, die Mundwinkel gehen nach oben, wenn er vom Wetter spricht. «Da», unterbricht er schlagartig, «jetzt ist es hintenrumgezogen.» Lehni deutet auf die graue Schneefront, welche in der Ferne den Blick Richtung Alpen versperrt. «Ist das nicht herrlich?», fragt er rhetorisch. Ob Sonnenschein, Wind, Schnee oder Regen: Er könne sich mit jedem Wetter arrangieren. Am liebsten aber mag er, wenns warm und schön ist, auch wenn das Wetter dann am unspektakulärsten ist.

Rekord: 137 km/h
Lehni der Wetterfrosch. Wollte der Hob­by-Meteorologe seine Leidenschaft nie zum Beruf machen? Der 73-Jährige winkt ab. «Ich wollte Koch lernen und dann Hoteldirektor werden.» Doch das Schicksal sah anderes für ihn vor. Der Vater starb früh und so musste Alfons Lehni bereits in jungen Jahren den elterlichen Hof übernehmen. «Ich will nicht klagen. Es ist gut so, wie es gekommen ist. Wir haben auch so etwas bewegt.»

Apropos: Erneut ein Stupser von der rechten Seite. «Da kommt wieder was!» Mit Argusaugen blickt Alfons Lehni aus dem Küchenfenster. «So sah es auch schon vor 20 Minuten aus, ich bin gespannt, wie es sich jetzt verhält», sagt er, die Augenbrauen hochgezogen. Alfons Lehni hat schon vieles miterlebt. In Erinnerung geblieben sind dabei vor allem die Stürme. «Lothar und Vivian haben in unserem Wald grosse Schäden verursacht.» 137 km/h sind bis heute Rekord für die Messstation im Bodenacher. «Das war ziemlich am Anfang, 1998 oder 1999.»

Es wird dunkel in der Wohnung, die Front hat Egolzwil erreicht. «Kommt ziemlich tief», sagt er, ehe keine Minute später nicht mal mehr der Baum vor dem Wohnzimmerfenster zu sehen ist. Alfons Lehni lehnt sich in den Stuhl zurück, legt die Brille ab und nimmt einen Schluck Sinalco-Wasser. «Faszinierend.»

 

Marco Stoll, Meteorologe, Meteo Schweiz. Foto zvg

«Mehr Hitzetage und heftige Niederschläge»

Marco Stoll, hunderte Stationen überliefern Wetterdaten an die Zentrale von Meteo Schweiz in Kloten. Für was werden diese verwendet?
Einerseits brauchen wir die Daten, um die Veränderung des Klimas über einen langen Zeitraum zu dokumentieren. Andererseits benötigen wir sie, um den Auftrag des Bundes zu erfüllen: Wetterprognosen erstellen und Unwetterwarnungen herausgeben.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Standorte aus?
Das hängt stark vom Zweck der Station und der Topografie ab. Im Flachland zwischen Zürich und Bern braucht es beispielsweise weniger Stationen als im Wallis, wo die Berge einen enormen Einfluss haben und die Messwerte auf vergleichsweise kleinem Raum grosse Unterschiede aufweisen.

Werden heute noch neue Stationen gebaut?
Ja, vereinzelt. Wir haben ein flächendeckendes Netz, sind sehr gut aufgestellt. Das war im 19. Jahrhundert noch anders: Es gab nicht viele Stationen, die Messungen nahmen sogenannte Stationsbeobachter manuell vor. Erst ab den 1960er-Jahren wurde das Netz kontinuierlich ausgebaut und die Automatisierung vorangetrieben. Nach der Jahrtausendwende fand nochmals ein starker Ausbau statt: Bestehende Stationen erhielten zusätzliche Sensoren, neue Anlagen wurden erstellt.

In den vergangenen Monaten verzeichneten die Messstationen auffällig häufig starke Windgeschwindigkeiten. Ein Phänomen, an das wir uns gewöhnen müssen?
Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Der diesjährige Winter war geprägt vom Westwindwetter. Die Folgen waren hohe Temperaturen, viel Niederschlag und oft starker Wind. Das gab es aber auch schon in den 90er-Jahren und kann im nächsten Jahr wieder ganz anders aussehen. In der Schweiz variiert das Wetter von Jahr zu Jahr extrem.

Beständig hingegen ist der Klimawandel. Welchen Einfluss hat dieser auf das Wetter in der Schweiz?
Er bewirkt in erster Linie eine Temperaturzunahme. Dies sieht man an der Vegetation und den Messreihen. Die von uns im Herbst 2018 erarbeiteten Klimaszenarien rechnen künftig mit trockenen Sommern, heftigen Niederschlägen, mehr Hitzetagen und schneearmen Wintern.