«245 Täg sind schwär, im Militär». Ich habe so manches verloren während der Militärzeit, nicht aber meinen (Galgen-)Humor. Thun-Bure-Mollis-Pfäffikon-Kappel-Stein-Lotzwil-Waldkirch: Was nach einem gemütlichen «Schwiizer-Reisli» klingt, war in Wahrheit der Fahrplan des Grauens. Jede Station eine Folterkammer für einen Freigeist wie mich. Mit jeder Unterkunft, die ich für immer hinter mir lassen konnte, zogen sich meine Mundwinkel weiter nach oben. Bis mich fünf Worte auf den Boden der Realität zurückholten: «Heute ist ein trauriger Tag».

Von wegen! Traurig waren die vorangegangenen 244 Tage. Vor allem die ersten 124: Biwakieren im Schnee, 24-Stunden-Sternen-OL, 50-km-Marsch… «Die RS hat noch jedem gutgetan», pflegte mein Vater jeweils zu sagen, wenn mich die Sonntagabend-Depression packte. Kraft tankte ich in dieser dunklen Zeit am Montag- und Donnerstagabend, wenn wir ins Thuner Nachtleben abtauchen durften.

In der RS zweimal Ausgang pro Woche – dann dürften die WKs ja heiter werden. Dachte ich. Zumal mein Vater von seiner Militärzeit («jeden Abend Ausgang») erzählte. Die Realität sah anders aus. Ausgang: Fehlanzeige, an 17 von 18 Abenden. Kompanieabend? Eine weisse Bratwurst, ein Salatteller und ein (!) Bier. Ja Papi, die Zeiten haben sich geändert. Leider.

Umso glücklicher war ich, als Panzerjäger Vogel die Flinte ins Korn werfen konnte. Waldkirch. Endstation. Ein letztes Mal die stickige Unterkunft beziehen, ein letztes Mal mit Oropax neben schnarchenden Kameraden schlafen, ein letztes Mal Wache schieben, wenn die anderen bereits von einem Leben in der Zivilisation träumen. Mit einer Abstrichliste zelebrierte ich meinen Abgang, hielt den kleinen «Papierfötzel» jedem unter die Nase, dem ich begegnete.

Und dann war er da, der 245. Morgen: 6.30 Uhr, ich stehe vor versammelter Mannschaft. Blicke in jene verschlafenen Gesichter, mit denen ich gelacht, gejammert, geflucht und (zu selten) getrunken habe. Die Kameraden klatschen, als mich der Kommandant mit einem festen Händedruck, einer Militärschokolade und folgenden Worten aus dem Dienst entlässt: «Heute ist ein trauriger Tag.» Bescheuert – aber irgendwie auch wahr.