Samuel und Pia Zürcher waren auf der Reise ihres Lebens, als ihnen das Coronavirus das Land unter den Füssen wegzog. Statt am anderen Ende der Welt Trübsal zu blasen, genoss das Ehepaar die verbleibende Zeit an Bord.

Die Welt ist in Ordnung an diesem 5. Januar. Vor allem für den gebürtigen Langnauer Samuel Zürcher und seine Ehefrau Pia. Der frühpensionierte Bänker und die ehemalige Postschalterbeamtin sitzen auf einem Sofa in der MSC Magnifica, blicken durch ihre Brillen in die Kamera, lächeln. An ihre Oberkörper schmiegen sich orangefarbene Schwimmwesten. Es sollte nur eines von Tausenden von Bildern werden, am Schluss war es eines mit Symbolcharakter: Samuel und Pia Zürcher gingen zwar nicht baden, aber die Weltreise fiel trotzdem irgendwie ins Wasser. Doch von vorne.

Einmal mit einem Kreuzfahrtschiff die Welt umrunden: Den Wunsch, den Samuel Zürcher schon sein ganzes Leben hatte, sollte einen Tag nach seinem 64. Geburtstag Tatsache werden. Im Hafen von Genua besteigt das Ehepaar Zürcher die 293 Meter lange MSC Magnifica. Über 30 000 Seemeilen liegen vor ihnen und den 2700 anderen Passagieren. 117 Tage, 43 Ziele, 23 Länder. So der Plan, der in der Folge des Öfteren herumgewirbelt wird. Zu Beginn verläuft die Reise jedoch planmässig.

Dienstag, 14. Januar, Mindelo
Die ersten vier Landgänge liegen hinter Samuel und Pia Zürcher. Über Marseille, Barcelona und Lissabon erreicht die MSC Magnifica den Atlantik. Nach einem Halt auf der portugiesischen Blumeninsel Madeira steuert der Kapitän Roberto Leotta Sao Vicente an, eine Insel der Kap Verden, westlich von Afrika. Es ist nur ein kurzer Zwischenstopp, bevor es Richtung Südamerika weitergeht. Vier Tage Erholung auf See stehen an. Deck 13 ist bei Zürchers hoch im Kurs. Sie beobachten Delfine, geniessen wunderschöne Sonnenuntergänge. Spielen Spiele, lassen sich von der Crew verwöhnen oder von Künstlern unterhalten. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Die Behörden in China haben den ersten Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus bestätigt: ein 61-jähriger Mann hat sich beim Fischmarkt in Wuhan mit der Lungenkrankheit infiziert und ist an den Folgen gestorben.

Samstag, 25. Januar, Buenos Aires
Das Südamerikanische Festland ist längst erreicht. Mit Salvador und Rio de Janeiro besuchten Zürchers zwei ehemalige Hauptstädte Brasiliens, ehe sie jene von Uruguay inspizierten.

Nun liegt die MSC Magnifica vor Buenos Aires. Das Fussballerherz zieht Samuel Zürcher in den Süden der argentinischen Hauptstadt. Nach Boca, wo Diego Armando Maradona seine Karriere lancierte. Auf seiner eigens für die Reise eingerichteten Website lässt Samuel Zürcher die Daheimgebliebenen an seinen Erlebnissen teilhaben. Auch wenn ihm die Technik hie und da ein Schnippchen schlägt und die Internetverbindung immer schlechter wird, je weiter es gen Süden geht. Ansonsten scheint die Welt noch in Ordnung zu sein – zumindest in Südamerika.

Das Coronavirus hat Europa erreicht, in Frankreich gibt es den ersten Fall. Auch Zürchers bekommen dies mit, sind aber gelassen. «Wir befassen uns nicht stark damit – wir fahren dem Virus ja davon», sagt Samuel Zürcher.

Donnerstag, 6. Februar, irgendwo vor der Küste Chiles
Es ist der zweite Tag auf See, seit die Südspitze Südamerikas umkurvt wurde. In Ushuaia, am «Ende der Welt», biegen andere Kreuzfahrtschiffe in die Antarktis ab, die Magnifica nimmt Kurs Richtung Norden. Die wärmeren Gefilde kommen den meisten Gästen gelegen. Viele haben sich aufgrund der winterlichen Verhältnisse einen Schnupfen eingefangen. Die ohnehin schon hohen Hygienestandards werden nochmals verschärft, während die Magnifica an den Fjiorden Chiles und der Zunge des Gletschers Campo de Hielo Sur vorbeizieht. «Ein imposanter Anblick, obwohl auch dieser Gletscher durch die Klimaerwärmung in den letzten 20 Jahren sehr viel von seiner Fläche eingebüsst hat», schreibt Zürcher in seinem Blog. Hat er kein schlechtes Gewissen, wenn er mit einem 95 000-Tönner durch die Weltmeere tuckert? «Nein. Die heutigen Kreuzfahrtschiffe müssen ganz klare Vorschriften einhalten, was den Ausstoss von Partikeln angeht. Ausserdem wird an Bord Abfall strikte getrennt. Im Meer landet nichts, was nicht dahingehört.»

Das Coronavirus fordert das erste Todesopfer ausserhalb Chinas. Es handelt sich um einen 44-jährigen Chinesen, der auf den Philippinen an den Auswirkungen der Lungenkrankheit gestorben ist.

Freitag, 21. Februar, Hanga Roa
Das Südamerikanische Festland liegt weit hinter den Zürchers. Die MSC Magnifica pflügt mit 23 Knoten (43 km/h) durch den Südpazifik. In der Ferne taucht eine kleine Insel auf, die Osterinsel. Im einzig wirklich belebten Ort geht das Schiff vor Anker. Die berühmten Steinskulpturen sind ein Hingucker.

Natürlich darf auch auf der Osterinsel der obligate Anstecker nicht fehlen. «So haben wir von fast jedem Halt eine kleine Erinnerung», sagt Samuel Zürcher.

Das Coronavirus wird je länger die Reise dauert, desto mehr zum Thema. Auch das Ehepaar Zürcher macht sich Gedanken. Mittlerweile grassiert das Virus in Italien, wo die Weltreise am 30. April enden soll.

Mittwoch, 4. März, irgendwo im Südpazifik
Es ist ein Tag, an den sich Zürchers und alle anderen auf der Magnifica noch lange erinnern werden – obwohl er in ihrem Leben gar nicht existiert. Die Reise nach Westen hat zur Folge, dass bei jeder Zeitzonenüberschreitung die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wird. So auch bei der Überquerung des 180. Längengrades im Pazifik. «Nur dass wir gleichzeitig das Datum um einen Tag vorstellen mussten. Wir sind also quasi in der Zeit gereist», sagt Samuel Zürcher und lacht.

Mittlerweile sind in Europa die meisten Staaten vom Coronavirus betroffen. Vor allem Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland weisen hohe Fallzahlen auf.

Dienstag, 10. März, Wellington
Zürchers träumen immer noch von den traumhaften Südseeinseln, den weissen Sandstränden und dem türkisblauen Wasser.

Doch die Realität ist eine andere: Erstmals verhindert das Coronavirus den Landgang. Die Regierung von Aitutaki verbietet Kreuzfahrtschiffen das Anlegen. Erst in Auckland und nun in Wellington dürfen die Reisenden wieder von Bord. Samuel und Pia Zürcher wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie zum letzten Mal festen Boden unter ihren Füssen haben – sie werden bis zum Ende der Reise nie mehr an Land gehen.

In Italien entscheidet die Regierung, die Sperrungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf das ganze Land auszuweiten.

Samstag, 14. März, Hobart
«Jetzt ist es passiert, das Coronavirus hat uns eingeholt.» Vier bestätigte Fälle in Hobart, der grössten Stadt Tasmaniens, lassen dem Kapitän keine andere Wahl: Er streicht den Landgang für die rund 2700 Gäste und Besatzungsmitglieder. Die Gefahr einer Ansteckung ist da, die Auswirkungen auf einem Kreuzfahrtschiff wären verheerend. «Es ist zwar schade», sagt Samuel Zürcher, «aber in Anbetracht der weltweiten Lage absolut verständlich». Besonders bitter: Die Tischnachbarn der Zürchers stiegen in Wellington aus, setzten die Reise über Land fort und wollten in Hobart wieder zusteigen. Doch auch dies verbietet der Kapitän.

Nach Italien ruft auch Spanien den nationalen Notstand aus und verhängt Ausgangssperren. Weltweit nimmt die Zahl der Infektionen und jene der Todesfälle weiter zu.

Montag, 16. März, Sydney
Die Magnifica ankert in der Bucht der Millionenmetropole Sydney, in Sichtweite zur berühmten Oper. An Land gehen ist zwar eine Option. Aber nur für all jene, die nicht mehr an Bord kommen wollen. Der Kapitän informiert über den weiteren Reiseverlauf. Die Kreuzfahrt ist beendet. Die Route wird angepasst.

«Es gab tumultartige Szenen, da sich einige betrogen fühlten und in Sydney direkt in den nächsten Flieger Richtung Heimat steigen wollten.» Einige tun dies, nicht so Zürchers. «Was wollen wir zu Hause?», sagen sie sich. «Wir haderten eine Stunde mit dem Schicksal, mussten uns dann aber sagen: Es geht uns gut.» Auf dem Schiff sind sie sicher. Zwischen der Magnifica und Genua liegen noch mehr als 20 000 Seemeilen.

Die Schweiz ruft den Notstand aus. Restaurants, Bars, Clubs und viele Geschäfte bleiben geschlossen. Der Bund ruft die Bevölkerung dazu auf, zu Hause zu bleiben. Das Coronavirus hat die Welt fest im Griff.

Sonntag, 29. März, Fremantle
Die Magnifica irrt im Indischen Ozean umher. «Wir hatten den Hafen von Fremantle schon weit hinter uns gelassen, mussten dann aber nochmals umkehren, weil die Vereinigten Arabischen Emirate den Hafen von Dubai geschlossen haben.» Ein verzweifelter Samuel Zürcher? Fehlanzeige! Ihnen gehe es gut auf dem Schiff, wohl besser als den meisten an Land. «Wir können uns frei bewegen, die Besatzung kümmert sich sehr gut um uns, wir werden weiterhin bestens unterhalten. Es ist erstaunlich, wie schnell die Tage vorübergehen.» Ein Zeitungsartikel sorgt derweil für Unmut. «290 kranke Passagiere an Bord der Magnifica» titelt eine Australische Zeitung. Die MSC Magnifica ist weltweit in den Schlagzeilen. «Woher die solchen Blödsinn hatten, ist mir schleierhaft. Bei uns gab es keinen einzigen Coronafall, geschweige denn einen Verdachtsfall», sagt Samuel Zürcher entnervt. Eine Richtigstellung in besagtem Journal und ein Radiointerview der englisch sprechenden Jasspartnerin Sheila später ist die Aufregung verflogen.

Nun haben auch die USA ihre Grenzen geschlossen. Derweil wurden die Olympischen Spiele auf nächstes Jahr verschoben.

Sonntag, 12. April, irgendwo im Roten Meer
Die Magnifica steuert den Suezkanal an. Es ist die vierte Nacht, in der das Kreuzfahrtschiff scheinbar unsichtbar durchs Meer gleitet. Aussen brennen keine Scheinwerfer, innen verhindern Vorhänge, dass Licht nach aussen dringt. Piraten treiben in den Gewässern rund um die arabische Halbinsel ihr Unwesen. In der Nacht patrouillieren bewaffnete Sicherheitskräfte auf Deck 7. Denn selbst riesige Kreuzfahrtschiffe sind nicht sicher. Doch es bleibt ruhig. «Ich hatte nie ein komisches Gefühl, konnte jederzeit gut schlafen», sagt Samuel Zürcher, der seit mittlerweile über einem Monat keinen festen Boden mehr unter den Füssen hat. Morgen Vormittag geht es durch den Suezkanal ins Mittelmeer.

In China ist die komplette Abschottung von Wuhan beendet, ein Schritt Richtung Normalisierung. In Europa herrscht weiterhin vielerorts der Ausnahmezustand. So sind in Italien die Häfen dicht, weshalb die MSC Magnifica in Marseille ausgeschifft werden soll.

Dienstag, 21. April, Marseille
Nach etlichen Plan- und Routenänderungen erreicht die Magnifica die Französische Hafenstadt nach 107 Tagen und 32 923 Seemeilen. «Bis am 10. März konnten wir die Schätze unserer Welt erkunden. Dann mussten wir unseren schönen Traum aufgeben und uns der Realität stellen. Das Caronavirus hat uns eingeholt», sagt Samuel Zürcher, der trotz der verkürzten Reise zufrieden ist. «Wir haben unfassbar schöne Flecken auf der ganzen Welt gesehen. Einen davon herauspicken kann und will ich nicht.» Etwas Wehmut kommt aber dennoch auf, wenn Zürchers von den verpassten Reisezielen sprechen. Während er Sydney gerne erkundet hätte, stand bei ihr Bali zuoberst auf der Liste. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. «Wir erhalten eine Entschädigung von MSC. In zwei Jahren findet die gleiche Reise nochmals statt. Vielleicht fliegen wir dann nach Sydney, steigen dort ein und holen das Verpasste nach», sagt Samuel Zürcher. So oder so: Die Reise ihres Lebens wird das Ehepaar mit Sicherheit nie ver­gessen.