Reto Greppi gehört zur aussterbenden Spezies der Schuhmacher. Der 56-Jährige lässt sich aber auch von sinkenden Auftragszahlen und schwierigen Marktverhältnissen nicht unterkriegen.

Tak-tak-tak. Tak-tak-tak. Immer wieder dringt die spitze Nadel ins Schuhleder ein. Stich für Stich. Das Resultat: eine saubere Naht. Reto Greppi hebt den Nähfuss und betrachtet seine Arbeit. Er nickt, scheint zufrieden. «Die Lasche für den Schuhbändel war gerissen. Nun ist sie wieder wie neu.» Hier, in der Vorstatt 9 in Nebikon, ist schon so manches Paar Schuhe defekt über den Ladentisch und ein paar Handgriffe später wieder wie neu zurückgewandert.

40 bis 50 Paar repariert Reto Greppi pro Woche in seiner kleinen Werkstatt. Als er den Ein-Mann-Betrieb vor 34 Jahren von seinem Vater übernommen hatte, sah die Auftragslage noch anders aus. Damals waren es noch 100 bis 150 Paar pro Woche. «Vor zehn, zwölf Jahren hat es sukzessive abgenommen.» Um über die Runden zu kommen, arbeitet der 56-Jährige seit drei Jahren zusätzlich in einem 50-Prozent-Pensum bei einem Schuhmacher in Zofingen. Den Laden in Nebikon betreut während seiner Abwesenheit Ehefrau Regula.

Reto Greppi hat sich mit den rückläufigen Auftragszahlen abgefunden. «Es ist nun mal so», sagt er mit klarer Stimme, ohne Wehmut. Nur wenn er von «dem ganzen Internet-Zeugs» und «dem billigen Mist» spricht, der dort angeboten werde, merkt man, dass ihm die Konsumgesellschaft zu schaffen macht. Greppi stammt aus einer anderen Generation.

«Ich kann Leute nicht verstehen, die einen Schuh bestellen, ohne ihn einmal anprobiert zu haben», sagt er und schüttelt den Kopf. Das Konsumverhalten habe sich enorm verändert, die Wertschätzung für Material und Handwerk fehle bei vielen. «Qualität hat auch heute noch ihren Preis.» Für eine Massanfertigung braucht Greppi 30 bis 40 Stunden, was rund 1600 Franken kostet. «Das zahlt niemand mehr.» Den letzten Schuh hat er vor drei Jahren hergestellt, wobei Greppi festhält: «Wir waren nie auf die Herstellung, sondern auf Reparaturen spezialisiert.»

 

In den Fussstapfen des Vaters

Bereits in jungen Jahren kam Reto Greppi mit dem Schuhmacher-Handwerk in Berührung. Er schaute seinem Vater über die Schultern, der den Betrieb in der Nebiker Vorstatt vor 66 Jahren eröffnete. Obwohl dieser ihm von einer Schuhmacherlehre abgeraten hatte, entschied sich Reto Greppi dafür, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. «Ich wollte nie etwas anderes lernen.»

Trotz den misslichen Zukunftsaussichten hat Reto Greppi seinen damaligen Entscheid nie bereut. Nur eines würde er heute anders machen. «Ich würde auf Wanderschaft gehen.» Auch der Sprache wegen, hauptsächlich aber um zu sehen, wie in anderen Ländern gearbeitet wird. Damals blieb ihm diese Möglichkeit verwehrt. Nach der Lehre, die Greppi bei einem Orthopädieschuhmacher in Sursee absolviert hatte, zog es ihn nach Meggen und Basel, ehe er mit 22 Jahren in den heimischen Betrieb wechselte und diesen zwei Jahre später übernahm.

Die kleine Werkstatt hat Reto Greppi umgebaut, den Arbeitsablauf verbessert. Bestand haben die Maschinen. Greppi lebt vor, was er von seiner Kundschaft erwartet: Sorge zum Material tragen. Die «Adler», eine manuell angetriebene Nähmaschine, ist «um die hundert Jahre alt. Die läuft noch wie ein Örgeli, braucht nur hie und da einen Tropfen Öl.» Was andernorts in Museen verstaubt, hat hier noch lange nicht ausgedient.

 

Von Ferraris und Aquarien

Reto Greppi ist auf Schuhe spezialisiert, repariert aber (fast) alles, was bei ihm auf dem Ladentisch landet: Gürteltaschen, Sattel oder Etuis für Jagdmesser. «Es gibt aber Sachen, da lasse ich lieber die Finger davon», sagt er und nennt Beispiele, die er schon repariert hat, dies im Nachhinein aber lieber sein gelassen hätte. «Bei einem Ferrari-Cabrio ersetzte ich einmal einen Reissverschluss. Das war wahrlich eine Sisyphusarbeit.» Ein anderes Mal habe er eine defekte Zeltblache entgegengenommen. «Ich musste unter Mithilfe meines Vaters und meiner Frau auf dem Vorplatz nähen, weil drinnen zu wenig Platz war», sagt er und schüttelt den Kopf.

Zurück zu den Schuhen: Bei 7500 Schritten, die jeder Mensch im Durchschnitt pro Tag zurücklegt, löst sich so manche Sohle zwischen Fuss und Asphalt auf. Wanderten die Schuhe einst zum Schuhmacher und erhielten eine neue Besohlung, landen die abgetretenen Treter heute oft im Müll. Was früher ein Luxusgut war, ist heute ein Wegwerfartikel. Dagegen kann auch Reto Greppi nichts machen. Es sei nun mal so, dass es sich meistens nicht lohne, einen billigen Schuh zu reparieren. «Oft kostet die Arbeit mehr als eine Neuanschaffung.» Hat der Schuh Qualität, lohnt sich eine Reparatur aber allemal.

Beweisstücke gibt es zur Genüge im Regal. «Die hier», sagt Greppi und nimmt zwei Schuhe zur Hand, «erhalten neue Absätze.» Er streicht über das Leder, spricht von guter Qualität, einem super Schuh. «Das Leder lebt, ist atmungsaktiv. Wer Kunststoffschuhe trägt, hat irgendwann ein Aquarium.»

Immer wieder ertönt an diesem Morgen in der Vorstatt 9 die Türglocke. Reto Greppi kann auf seine Stammkunden aus der Region zählen. Der 56-Jährige nimmt einen weiteren Schuh zur Hand, setzt den Pamir auf und dreht den schwarzen Hebel an der Schleifmaschine. Mit einem lauten Brummen setzt sich das Papier auf der Rolle in Bewegung. Gekonnt lässt er die Sohle schrumpfen. Ein Kontrollblick und ein leichtes Nachschleifen, dann wieder der zufriedene Blick. Solange er seinem Traumberuf nachgehen kann, ist Reto Greppi glücklich.

 

Alter Handwerkerberuf mit Nachwuchsproblem

Vor der Industrialisierung wurden sämtliche Schuhe von Hand gefertigt. Der Schuhmacher war für die Herstellung, das Reparieren, das Umfärben, die Flecken-entfernung und das Polieren der Schuhe zuständig. Mit Einführung der maschinellen Schuhproduktion ab etwa 1870 ging das Handwerk stark zurück. In Zeiten der Digitalisierung und des Internet-shoppings tun sich die Schuhmacher auch in jüngerer Vergangenheit zunehmend schwerer Kundschaft zu gewinnen. Nachfolgelösungen und junge Berufsleute fehlen. Die Zahl der Betriebe ist stark rückläufig.

Der 1874 in Langenthal gegründete Berufsverband «Fuss und Schuh», dem der Nebiker Reto Greppi als Obmann vorsteht, zählt heute noch 74 Schuhmacherbetriebe als Mitglieder. Einst waren es über 300. Ähnlich ist die Entwicklung bei den Lehrabgängern. Null bis maximal vier Personen schliessen in der Schweiz jährlich die dreijährige Schuhmacherlehre ab. Anders präsentieren sich die Zahlen bei den Orthopädieschuhmachern, welche eine vierjährige Lehre absolvieren. Dort schliessen jährlich 10 bis 15 Lernende ab – auch ein Kleinstberuf, jedoch mit einem stabilen Mengengerüst. Orthopädieschuhmacher zählen zu den medizinisch-technischen Handwerkern und stellen orthopädische Mass- und Serienschuhe sowie Einlagen und Fussstützen her. Sie führen auch Nachkorrekturen und Reparaturen aus. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist die Beratung der Kunden. Sowohl Schuhmacher- als auch Orthopädieschumacherlehrlinge besuchen während einem Tag in der Woche die Berufsfachschulen in Zofingen oder Lausanne.

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