Die Schweizer Post hat in den letzten 20 Jahren 3,1 Milliarden Pakete zugestellt, Tendenz steigend. Besonders in der Vorweihnachtszeit haben die Paketboten extrem viel zu tun. Auf Tour mit den «Christkindern der Moderne».

Dienstag, Mitte Dezember, kurz vor Mittag: Ein gelber Post-Lieferwagen fährt in Wauwil von Haushalt zu Haushalt und sorgt hüben wie drüben für fröhliche Gesichter. Am Steuer sitzt Fabian Häfliger, 35. Auch der Schötzer ist gut gelaunt, obwohl er im Verzug ist. «Normalerweise bin ich jetzt schon viel weiter.» Doch normal ist nichts in diesen Tagen, zumindest nicht bei der Post: Auf die Rekordzahlen rund um den Black Friday, als innerhalb einer Woche 5,9 Millionen Pakete verteilt wurden, folgt die Adventszeit, in der bis zu 1,3 Millionen Päckli pro Tag verarbeitet werden. Fabian Häfliger steuert seinen Anteil dazu bei. Knapp die Hälfte der 320 Kartonschachteln, die er am heutigen Tag verteilen muss, liegen hinter ihm im Lieferwagen. Feierabend ist noch lange nicht in Sicht.

Sechs Stunden zuvor: Es ist 5.45 Uhr und draussen noch stockdunkel, nicht so im Innern des Willisauer Distributions­centers. «Guete Morge», wünscht Teamleiter Bruno Nietlispach mit lauter Stimme in die Runde, bevor er Informationen an die 18 Fahrer weitergibt. «Heute ein bisschen weniger – aber immer noch viel.» Gelächter, dann gehts ans morgendliche Ritual: Einturnen und Dehnen.

Wofür das Ganze gut ist, zeigt sich nur wenige Minuten später, als in der hell beleuchteten Halle emsiges Treiben herrscht. Die in Härkingen vorsortierten und in Gitterwagen zwischengelagerten Pakete werden von den Mitarbeitenden in Zweier­gruppen in die Lieferwagen geladen. Akkord, aber immer mit einem Plan im Hinterkopf. Schliesslich muss der Ablauf bei der Tour stimmen, um keine Zeit zu verlieren. «Wenn du gut im Tetris bist, hast du hier Vorteile», sagt Fabian Häfliger und lacht.

Morgenmuffel sucht man vergebens. Es herrscht eine konzentrierte, aber zugleich lockere Stimmung unter den Mitarbeitern. Hier ein Spruch, da ein Lachen.

Ein Teil des Dorfes
Die Briefmenge sinkt, jene der Pakete nimmt zu. Die Post trägt dieser Entwicklung Rechnung und eröffnete im Sommer das neue Distributionscenter in Willis­au. 43 Mitarbeiter werden am Standort in der Industrie Widenmatt beschäftigt. In der Vorweihnachtszeit braucht es zusätzliche Kräfte. So auch heute. Stück für Stück verschlucken die gelben Busse die Pakete.

Rund eineinhalb Stunden dauert es, bis alle Fahrzeuge startklar sind. Dann gehts los. Von Schüpfheim bis Wauwil, von Malters bis Zell: Auf 21 Touren werden 5066 Pakete in die Haushaltungen verteilt. Knapp 15 Tonnen beträgt das Gesamtgewicht der Sendungen.

Fabian Häfliger steuert mit seinem Renault Master Richtung Wiggertal. Wauwil und Egolzwil stehen auf dem Programm. Normalerweise käme Nebikon noch dazu. Aber wie gesagt: Was ist schon normal in diesen Tagen. Aufgrund der hohen Paketmengen sind Zusatztouren und Änderungen der Routen nötig. Häfliger gibt Nebikon ab, erhält dafür einen Teil von Ettiswil. Es ist noch dunkel, als er das Industriegebiet ansteuert. «Wir schauen, dass wir erst die Geschäfte beliefern.» Einerseits würden die auf die Pakete warten, andererseits hole man die Privaten so nicht allzu früh aus den Federn. Vor 8 Uhr ersetzt ein herzhaftes Klopfen die Klingel. Öffnet niemand, legt Häfliger das Paket vor die Eingangstür. Manche haben dies so avisiert, mit anderen hat er es so abgemacht. Man kennt sich. «Als Pöstler gehörst du nach einer gewissen Zeit irgendwie zum Dorf dazu, das ist schon cool.»

Glatteis und Hunde
Nieselregen durchbricht den Kegel des Scheinwerferlichts. Die Dämmerung hat eingesetzt, es ist kalt. Bei dieser Witterung müssen die Paketboten besonders vorsichtig sein. Gegen Glatteis helfen gute Schuhe und Treppengeländer, besonders aber ein gesalzener Untergrund. Häfliger hat in seinen zwei Jahren als Pöstler noch keinen Unfall gehabt. Auch Zwischenfälle mit Hunden gab es bei ihm nicht, wobei der gelernte Metallbauer festhält: «Ich bin da immer vorsichtig, vor allem auf Bauernhöfen. Doch wer will es den Hunden verübeln, schliesslich treten wir in ihr Territorium ein.» Häfliger zeigt jenes Verständnis, welches er von den Verkehrsteilnehmern erwartet. «Ich kann nicht schnell in einen Kreisel fahren, sonst liegt alles am Ranzen.»

Mittlerweile ist es hell. Die Znünipause mit einem warmen Tee liegt hinter Fabian Häfliger. Er, der erst bei zweistelligen Minustemperaturen zu frieren beginnt. «Ich bin immer in Bewegung», sagt er und lacht. Tatsächlich legt er beinahe so viele Kilometer zurück wie sein Gefährt. Die Abläufe gleichen sich: Bei jedem dritten Gebäude stoppt Häfliger das Fahrzeug, zieht die Handbremse, löst den Gurt. Öffnet die Kofferraumtür, schnappt sich ein Paket und schreitet Richtung Haustür. Ein Klingeln, während des Wartens bedient er den Scanner. Dann die Übergabe. Zurück in den Bus, die Zündung gedreht, die Handbremse gelöst, den Gurt um den Oberkörper gelegt: Es geht weiter. Wieder hundert Meter.

«Irgendwo gibt es Grenzen»
Viele Pakete sind so klein, dass sie ohne Probleme im Briefkasten Platz finden. Doch es gibt auch andere. «Einmal musste ich einen Sofa-Sessel abliefern. Der hat ganz schön viel Platz eingenommen», erinnert sich Häfliger. Und als ob ihm dies nicht schon genug Probleme bereitet hätte, half er der älteren Dame den Sessel in ihre Wohnung zu tragen. «Das Treppenhaus war unglaublich eng. Als wir das Teil oben hatten, fragte sie, ob ich nicht gleich noch das alte Sofa mitnehmen könne.» Einer der wenigen Wünsche, die Häfliger nicht erfüllen konnte. «Wir tun unser Bestes, aber irgendwo gibt es Grenzen.»

Aus den Boxen dröhnt Weihnachtsmusik. Über Fabian Häfligers Gesicht huscht ein Lächeln. «Ich habe einen dankbaren Job, die Leute freuen sich immer, mich zu sehen», sagt er zufrieden. Was für die Kleinen das Christkind, ist für die Grossen der Paket­bote.