Alois Wüest und André Egli sind dem Bonsai verfallen. Der eine pflegt heimische Baumarten, der andere vor allem solche, die normalerweise im Ausland wachsen. Für beide gilt: Zeit ist nicht mit Geld aufzuwiegen.

Einen Wald in Kleinformat. Diesen hegt und pflegt Alois Wüest auf seiner rund 60 Quadratmeter grossen Sonnenterrasse in der Wikoner Chäppelimatte. Was in natura über 40 Meter hoch wächst, findet in kleinen Töpfen Platz und weist eine Höhe von maximal einem Meter auf. Ulmen, Fichten, Buchen, Eichen, Erlen, Eschen: Über 100 Exemplare bringen Farbe in den Alltag des Pensionärs. Er blüht auf, wenn sie spriessen.

Dabei hat sein hölziges Hobby ganz unverblümt begonnen. Vor genau 41 Jahren. Mit einem Spaziergang in der Nähe des Oftringer Schiessplatzes. Alois Wüest erinnert sich noch genau: «Ich war mit einem Kollegen unterwegs, als wir am Wegrand die winzig kleinen Bäumchen entdeckten.» Kurzerhand wanderten zwei von ihnen in den Besitz der beiden Männer. Jenes von Alois Wüest blüht immer wieder aufs Neue, das des Kollegen hat vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet.

Pflege heisst das Zauberwort. Und die ist zeitintensiv. Alleine das Giessen der Pflanzen nimmt – je nach Jahreszeit und Wetter – bis zu einer Stunde und viel Wasser in Anspruch. Hinzu kommt das Zurückschneiden der Äste, was je nach Baum zwei- bis dreimal pro Jahr notwendig ist. Mit kleinen Bonsai-Scheren werden die dünnen Arme abgezwackt und der Baum so in die gewünschte Form gebracht.

Pro Exemplar wendet Alois Wüest hierfür bis zu zwei Stunden auf. Hinzu kommt das Umtopfen, was bei den grösseren Bonsai schon mal einen halben Tag dauern kann. Der gebürtige Buchser scheut weder Zeit noch Aufwand, um seinem Wald einen weiteren perfekten Baum hinzuzufügen. «Jeder Mensch braucht ein Hobby, einen Zeitvertreib. Andere haben Pferde oder treiben Sport, ich pflege meinen Bonsaigarten.»

Aus hiesigen Wäldern
Bonsai heisst übersetzt «Baum im Topf» und hat den Ursprung in der chinesischen Gartenkunst. Bereits vor 1800 Jahren waren in den kaiserlichen Gärten Landschaften im Miniformat zu sehen. Buddhistische Mönche brachten im 10. und 11. Jahrhundert die Bonsaikunst nach Japan.

Für Alois Wüest kein Grund, Bäume aus Fernost zu importieren. Sämtliche Bonsai in seiner Sammlung stammen aus Schweizer Wäldern, vornehmlich aus der Region Wikon. «Ich reisse keine grossen Bäume aus, sondern entwurzle lediglich kleinste Nachwüchse, die mit grösster Wahrscheinlichkeit ohnehin von Menschen zertrampelt oder von Tieren angefressen würden.»

Bonsai in einem Discounter kaufen, kommt für ihn nicht infrage. Nur einmal machte er eine Ausnahme. «Der war nicht nur zum halben Preis, sondern auch schon halb vertrocknet. Den konnte ich da nicht sterben lassen», sagt er und nimmt besagten Bonsai zur Hand, betrachtet ihn von allen Seiten und stellt ihn zufrieden zurück auf ein Holzbänkchen. In einer anderen Ecke steht ein kleiner Tannenbaum, der über die Brüstung hinausragt. «Unser Weihnachtsbaum.» Im Dezember schmückt Alois Wüest diesen mit einer Lichterkette. «Wehe, die leuchten nicht am ersten Advent – dann bekomme ich Ärger mit den Nachbarn», sagt er und lacht.

Alois Wüest, der seinen grau-weis­sen­ Bart so akkurat pflegt wie seine Bäume, stösst allmählich an Grenzen. Besser gesagt: seine Terrasse. «Ich muss langsam bremsen», sagt er und lacht. Tatsächlich sieht man vor lauter Bäume kaum mehr Steinplatten.

Nun, im Frühsommer, ist die erste Blütenpracht bereits vorbei. Die teils unterschiedlichsten Farben sind einem satten Grün gewichen. Alois Wüest beherbergt Nadel-, vor allem aber Laubbäume. «Ein Blatt wirkt auf mich viel schöner als eine Nadel», sagt er, dessen grösster Stolz eine Linde ist. 30 Jahre, 80 Zentimeter.

Majestätisch thront sie in ihrem Kleid über allen anderen. «Wenn mir jemand einige Tausend Franken bieten würde, kämen wir vielleicht ins Geschäft.» Grundsätzlich ist der ehemalige Instandhaltungsplaner aber nicht aufs Verkaufen aus. Zu viel Zeit steckt in den Bäumen. An einem schönen Bonsai erfreut er sich mehr als an einem vollen Portemonnaie.

Die Welt in einem Garten
Schauplatzwechsel. Von der Dachterrasse geht es in den Garten. Von Wikon nach Ettiswil. Wer André Eglis Reich betritt, der wähnt sich in Fernost. Beim Eingang steht eine traditionelle japanische Steinskulptur. Der Untergrund ist gepflegt, mit kleinen Kieselsteinen und grossen Platten belegt.

Links und rechts des Weges stehen auf Steintischen verschiedenste Bonsaibäume. Einige gross, die meisten klein. «Ich bin seit Kurzem in einem neuen Club. Die Shohin-Gruppe will ausschliesslich Bäume, die maximal 20 Zentimeter gross sind», sagt André Egli. Einige Bonsai muss er deshalb reduzieren. Keine einfache Aufgabe. Sukzessive schneidet Egli die Äste zurück. So werden nicht nur die Bäume, sondern auch die nachwachsenden Blätter kleiner.

«Bonsai zu pflegen, braucht eine Menge Geduld.» Vor allem, wer die Bäume vom Samen auf grosszieht. «Der hier», sagt Egli und nimmt eine kleine, rund 20 Zentimeter hohe japanische Hopfenbuche zur Hand, «ist bereits 20 Jahre alt.» Die Äste sind mit Draht umwickelt und zwingen den Baum so in die gewünschte Form. Egli spricht von Etagen und Negativräumen, die gebildet werden müssen. Bonsaipfleger sind immer auch Bastler, Tüftler. Was nicht passt, wird passend gemacht. Mit Kabelbindern, Schnüren, manchmal sogar mit Bleistiften, die als Pflöcke in die Erde gerammt werden. Alles für eine ästhetische Form.

Auf den ersten Blick wirken die Bäume in André Eglis Garten gleich wie jene auf Alois Wüests Dachterrasse. Nur ein geschultes Auge erkennt die Unterschiede. In Eglis Garten gedeihen unzählige Bäume ausländischen Ursprungs: eine Korkeiche aus Portugal, chinesische Ulmen, koreanische Buchen, ein Gartenbonsai aus den Pyrenäen.

Die Bäume hat Egli importiert, bei Ausstellungen von Händlern gekauft oder sie als Samen gepflanzt und grossgezogen. Doch auch der 68-Jährige hat sogenannte Yamadori in seinem Garten: Bonsai, die in freier Wildbahn wuchsen und nun im Topf gedeihen. Egli präsentiert stellvertretend eine Stinkwacholder aus den Walliser Alpen, die er einst beim Wandern entdeckt hatte. Seine Yamadori sind aber an einer Hand abzuzählen. Für neue Bäume fehlt auch ihm der Platz. «Und meiner Frau die Gemüsebeete streitig machen, will ich nicht», sagt er und lacht.

Fingerspitzengefühl und viel Geduld
Seinen ersten Bonsai schuf André Egli vor 33 Jahren an. Anders als man jedoch denken könnte, gehört der Ahorn trotz seines fortgeschrittenen Alters zu den kleineren Bäumen im Garten.

Denn: Ziel ist nicht möglichst grosse Exemplare heranzuzüchten, sondern den Bäumen im Miniformat das Aussehen ihrer grossen Verwandten zu geben. «Und dies möglichst perfekt», sagt Egli, dessen Liebe zum Bonsai eine Fotografie in einer Zeitschrift entfachte. Als er damals das Abbild eines kleinen Bäumchens gesehen hat, dachte er sich: Das kann ich auch. Heute bevölkern Dutzende von Bonsai seinen Garten. Eine genau Zahl kann Egli nicht nennen. «Wann gilt ein Bäumchen als Bonsai?», stellt er eine Gegenfrage. Er habe viele Exemplare, die weder die gewünschte Grösse noch die Form hätten. Zeit, Geduld und im wahrsten Sinn des Wortes jede Menge Fingerspitzengefühl sind gefragt, um einen perfekten Baum hinzubekommen. «Ein Bonsai braucht immer genügend, aber ja nicht zu viel Wasser.» Wer den Finger in die Erde stecke, merke schnell, wie es um den Baum stehe.

Seine Bonsai mit Geld aufwiegen, kann und will André Egli nicht. Stattdessen erzählt er: «Zu meinem 20-Jahr-Jubiläum durfte ich auf Kosten meines Arbeitgebers einen Bonsai in einem Gartencenter aussuchen. Der war um die 2000 Franken.» Nun, 20 Jahre später, bereite ihm dieser Baum einige Probleme. Doch statt in der Grünabfuhr landet der Bonsai in der Erde. Aufpäppeln ist angesagt, bevor er möglicherweise wieder im Topf landet. Wie besagt doch ein japanisches Sprichwort: «Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg».