Die 3. Etappe der diesjährigen Tour de Suisse führte am Elternhaus von Mathias Frank vorbei. Mit Glockengebimmel, Schweizerfahnen und feuchten Augen verfolgten Maria und Franz Frank eine der letzten Profi-Fahrten ihres Sohnes.

Rund um die Kapelle in Roggliswil hängen an diesem Dienstagnachmittag Schweizerfahnen und Plakate. «Hopp Mathias». «Der VC Pfaffnau-Roggliswil grüsst Mathias Frank». «Hopp Mäthu». Sie sind dem wohl berühmtesten Sohn Roggliswils gewidmet, der an diesem Tag mit Garacho durch seine Heimat und bei seiner letzten Tour de Suisse gar an seinem Elternhaus vorbeifährt. «Er hatte immer ein gutes Gespür für sein Leistungsvermögen. Wenn er morgens sagte: ‹Heute kannst du die Vase hervorholen›, kam er abends meistens mit Blumen nach Hause», sagt Maria Frank, Mathias‘ Mutter. «Ich glaube aber nicht, dass er heute etwas reissen will – ich denke er möchte die Fahrt geniessen.»

Ein starkes Brüdergespann
Maria Frank sitzt im Wintergarten ihres Wohnhauses, das direkt neben der Kapelle steht. Die drei Sprösslinge des Rennfahrers belagern ihre Grossmutter, malen, erzählen, knacken Nüsse. Auf dem Tisch liegt ein herausgerissener Zeitungsartikel über Mathias Frank. In diesen Tagen ist er in aller Munde. In den regionalen und nationalen Gazetten, in erster Linie aber in seinem Heimatdorf und insbesondere rund um das Elternhaus. Franz Frank und dessen Schwiegertochter, Mathias‘ Ehefrau, bringen ein weiteres Plakat unten an der Strasse an. «Das hat ein Aargauer vorhin mit dem Töffli vorbeigebracht», sagt Maria Frank nicht ohne Stolz.

Man kennt sich in der Radszene. Kaum jemand, der nicht weiss, wer im Roggliswiler Winkel 27 zuhause ist. Schliesslich entsprangen hier zwei der grössten Talente, die der Schweizer Radsport in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat: Mathias und Simon Frank. Der eine beendet nach der Saison und 14 Jahren im Profiradsport seine äusserst erfolgreiche Karriere, der andere hat es – trotz, wie einige Weggefährten sagen, herausragender Fähigkeiten, vor allem im Sprint – nie ganz in die Weltspitze geschafft und die Radschuhe längst an den Nagel gehängt. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder aber schaffte Simon, was Mathias (bis heute) verwehrt blieb: ein Sieg an den Schweizermeisterschaften.

Ein Körbchen auf dem «Göppu»
Franz Frank betritt den Wintergarten und schmunzelt. «Är esch vore.» «Was?» «Jo, z Vierte, fascht vier Minute, send grad z Pfaffnau döre.» Maria Frank schaut mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Verwunderung und Hoffnung. «Da habe ich mich wohl getäuscht», sagt sie, lacht und verweist auf die eingangs gestellte Prognose. Nervosität oder gar Hysterie sucht man im Hause Frank trotz des erfreulichen Zwischenresultates vergebens. Franz winkt ab: «Das wird nicht reichen bis ins Ziel, wenn sie hinten richtig fahren.» Schliesslich sind es noch mehr als 45 Kilometer bis zum Ziel. Der Vater von Mathias ist ein Kenner der Szene. Zu lange ist er schon dabei, als dass er blauäugig sein könnte. «Mal schauen, wie lange sie sich halten können.»

Dass Mathias Frank dereinst Radprofi werden würde, zeichnete sich im Kindes- und Jugendlichenalter noch nicht ab. Bis 17 schnürte er die Fussballschuhe, am Radsport zeigte er im Gegensatz zum kleinen Bruder Simon nur wenig Interesse. Mit dem Velo ins Training nach Altbüron fahren? «Dafür war er zu faul», sagt Maria Frank. Doch irgendwann kippte der Schalter. Mathias sattelte sprichwörtlich um. Vater Franz erinnert sich: «Es war an einem Turnier in Oberägeri, als er wieder mal auf die Socken bekommen hatte. Da sagte er: ‹Ich fahre ab jetzt lieber Velo statt mir die Schienbeine blau treten zu lassen›.» Gesagt, getan. So ging er mit dem Veloclub Pfaffnau-Roggliswil ins Trainingslager. «Mit einem alten ‹Göppu›, der hinten noch ein Körbchen drauf hatte», sagt Mutter Maria und lacht. Trotz Körbchen und dem alles andere als coolen Bike zog es Mathias den Ärmel rein.

Eine dicke Krankenakte
Der Vorsprung der Ausreissergruppe rund um den Roggliswiler schrumpft kontinuierlich. In Richenthal, 35 Kilometer vor dem Ziel, beträgt er noch zweieinhalb Minuten. «Das ist zum Scheitern verurteilt», sagt Franz Frank, blickt auf den Bildschirm und zuckt mit den Schultern: «Wenn sie jetzt schon oben auf dem Bodenberg wären, sähe es vielleicht etwas anders aus, aber so.»

Die Wände des Wohnzimmers zieren Familienfotos, im TV ist der mittlere Sprössling in Grossaufnahme zu sehen. Mathias Frank kennt jeden Zentimeter der knapp 46 Kilometer langen Zusatzschlaufe rund um Pfaffnau, hat in jüngeren Jahren zig Trainingsfahrten auf eben jenen Asphaltstrassen zurückgelegt. Dass seine letzte Tour durch sein Heimatdorf geht und an seinem Elternhaus vorbeiführt ist schon kitschig genug. Dass er wenige Kilometer vor dem Ziel noch in der Spitzengruppe vertreten ist – ein Hauch von Hollywood. Einen schöneren Abschluss der Karriere hätte sich Mathias Frank wohl nicht ausdenken können.

So schön die letzten Tage seiner Karriere sind, so schwierige Momente gab es zu überstehen. «Es ist für ihn der richtige Zeitpunkt um aufzuhören. Er war viel unterwegs, getrennt von der Familie und zuletzt fehlte auch ein Stück weit die Motivation», sagt Maria Frank, die nicht unglücklich ist über das Karriereende ihres Sohnes: Die Angst sei bei ihr stets mitgefahren, wenn der Sohn Rennen fuhr. Vor allem zu Beginn der Karriere. «Du siehst im TV wie er stürzt und weisst nicht, was los ist, wie es ihm geht. Das war jeweils ganz schlimm.»

Grund zur Sorge gab es zu genüge. Stürze gehörten bei Mathias Frank dazu, Verletzungen waren «part of the game». «Ein gewisses Risiko ist nicht abzusprechen. Aber daran, was alles passieren könnte, darfst du gar nicht denken», sagt Franz Frank. Knochenbrüche, Schürfwunden, Prellungen, Gehirnerschütterungen: Mathias Franks Krankenakte ist dick. Und wurde kurz vor der Tour de Suisse um eine Verletzung reicher. Beim Grossen Preis des Kantons Aargau stürzte er bei hoher Geschwindigkeit, zog sich Schürfwunden zu, musste sich den linken Ellenbogen mit fünf Stichen nähen lassen und Antibiotika zu sich nehmen. Den Start zu seiner letzten Tour liess er sich dadurch aber nicht vermiesen, biss stattdessen auf die Zähne, wie so oft.

Eine (rad)sportbegeisterte Familie
Um die (sportlichen) Träume ihrer Kinder wahr werden zu lassen, haben Maria und Franz Frank viele Entbehrungen auf sich genommen. Nebst den beiden Radrennfahrern Mathias und Simon war da noch Tochter Daniela, ältestes von drei Kindern. Sie frönte der Leichtathletik, war eine erfolgreiche Läuferin. «Wir kamen rum in der Schweiz und lernten viele Ecken unsere Landes kennen. Auch wenn wir oft unterwegs waren, war es nie ein Müssen. Wir haben das gerne gemacht», sagt Maria Frank. Oft teilten sich die Eltern auf. Sie führte die Tochter zu einem Meeting, er fuhr mit den Jungs an einen GP. «Wir würden alles wieder gleich machen», sagt Maria Frank und lächelt.

Der Vorsprung der Ausreisser schrumpft weiter, in immer schnelleren Abständen verkürzt das Feld den Rückstand. Die Spitzengruppe ist mittlerweile noch zu dritt unterwegs. Dann greift einer der Fahrer an, der zweite kann folgen, für Mathias Frank ist der Anstieg auf den Bodenberg einer zu viel. Das Kamera-Töff fährt langsam an ihm vorbei, dann scheint der Roggliswiler einen imaginären Hut zu ziehen. Vor seinen Eltern, seinen Weggefährten, vielleicht auch vor seiner eigenen Leistung bei der heutigen Etappe. Er lächelt in die Kamera, in der Gewissheit, gleich vom Feld aufgesogen zu werden.

Ein Gruss zum Abschluss
Bis zur Durchfahrt in Roggliswil sind es nur noch 13 Kilometer. Höchste Zeit also für Maria und Franz Frank, sich an die Strecke zu begeben. Zwar hätten sie vom Garten aus einen Logenplatz – aber ihr Plakat haben sie vorne bei der Kapelle aufgestellt. Und sehen tut man dort sowieso mehr.

Kinder stehen mit Schweizerfahnen ausgerüstet auf der Kapellenmauer, etliche Leute säumen den Strassenrand. Die einen verfolgen das Geschehen auf ihrem Handy. Maria und Franz Frank blicken derweil nach oben. Spannung liegt in der Luft, es kribbelt. Jeden Moment wird das Feld durch Roggliswil brettern. Die durchbrausenden Autos werden schneller, künden die Fahrer an. Und dann biegt das langgezogene Feld um die Kurve. Anfeuerungsrufe, Glockengebimmel, klatschen, tosender Lärm. Dazwischen konzentrierte Blicke. Wo ist Mathias Frank? Die Spitzenfahrer sind durch. Haben sie ihren Sohn nun etwa verpasst? Bei einem seiner letzten Rennen? Fragende Blicke hüben wie drüben. Dann biegt wieder eine Fahrergruppe um die Kurve. Einer fährt nahe am Strassenrand, hebt die linke Hand zum Gruss. «De Mäthu», ruft Maria Frank durch die Jubelschreie der anderen, als ihr Sprössling die Kapelle passiert hat. Dann klatscht sie in die Hände. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Die Freude ist gross, der Stolz auch. Maria und Franz Frank strahlen. Blumen wird es heute keine geben – dafür Momente, die für ewig in Erinnerung bleiben.