Pascal Vogel

Journalist

Natürliche Selektion

Früher war alles besser. Zumindest im TV-Programm: Über den Röhrenbildschirm flimmerte «Unser Charly», am Samstagabend lockten Beni Thurnheer und Thomas Gottschalk vor die Kiste, und zweimal wöchentlich konnte die Champions League im Free-TV genossen werden. Heute: «Roooobert» Geissen und seine Carmen geben Einblick in ihr Jetset-Leben, der Bachelor tanzt mit halbnackten Intelligenzbestien um die Wette und Fussball? Der ist live nur noch mit fünf Abos oder auf irgendwelchen Piratensendern zu sehen. Traurig, aber wahr: Das Fernsehen ist für mich kein Vergnügen mehr, sondern nur noch zum Fremdschämen. Auf der Suche nach einem schlauen TV-Format gucke ich meist in die Röhre.

Das Schlimme: Sendungen wie «Das Dschungelcamp» oder «Promi Big Brother» finden bei einem Teil des Publikums nicht nur Anklang, sondern strahlen regelrecht auf ihn ab. Dies widerspiegelt sich wiederum im derzeitigen Social-Media-Wahn. Wer im hier und jetzt lebt, hat dies auch der Öffentlichkeit mitzuteilen. Ein Post hier, ein Tweet da, ein Eintrag dort.

Vor dem Essen wird nicht gebetet, sondern fotografiert. Während des Essens nicht genossen, sondern gepostet. Im Bus gescrollt, statt geredet. Auf dem Zebrastreifen Nachrichten gelesen, statt gegrüsst. Nicht Cannabis, Nikotin oder Alkohol, nein: Handy heisst das grösste Laster vieler Menschen. Wie hypnotisiert blicken sie auf das Display. Weichen teilweise noch nicht mal davon ab, wenn sie mit dem Velo auf der Strasse fahren. Mir bleibt da nur ein Kopfschütteln – und je nach Gemütsverfassung ein langes Hupen und ein im Takt an die Schläfe tippender Finger.

Der Gipfel des Social-Media-Wahns zeigt sich jedoch in den Bergen. Als wären sie Gämsen begeben sich die Möchtegern-Influencer an den Rand des Abgrunds. Und manchmal sogar darüber hinaus. Auf der Jagd nach dem perfekten Bild und ein paar Likes starben zwischen Oktober 2011 und November 2017 weltweit mindestens 259 Menschen, wie aus einer im «Journal of Family Medicine and Primary Care» veröffentlichten Studie hervorgeht. Böse Zungen würden behaupten: natürliche Selektion. Mir fallen auch nach langem Überlegen keine Argumente ein, die dagegen sprechen.

2 Kommentare

  1. Ciao Vögi

    Ech lese ned mänge Blog, aber dine esch emmer en Gnoss. Velfältig ond mängisch amüsant. Danke der förs Schriibe.

    Heb en guete Tag.

    Thomi

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