Wer ihn nicht kennt, hat kein Benzin im Blut: In den 1930er-Jahren als minimalistischer Kleinwagen konzipiert, geniesst der Citroën 2CV heute Kultstatus. Eine «Ente» besitzt auch Anita Bärenbold. Sie nahm den WB mit auf eine Spritztour.

Der Motor heult auf – und wird dennoch übertönt. Vom Wind. Fahrtwind, um genau zu sein. Verdeck und Lüftungsschlitz sind offen, ebenso die klappbaren Fensterscheiben. Die Temponadel vibriert, in den Kurven verleiht die starke Federung dem Gefährt gehörig Schieflage. Hinter dem Steuer sitzt Anita Bärenbold (60), das Gaspedal durchgedrückt, ein breites Grinsen im Gesicht. «Welch ein Fahrgefühl.» Endlich wieder Fahrtwind im Gesicht und den Kugelhebel der Revolverschaltung in der Hand. Anita Bärenbold musste lange ohne diese Dinge auskommen.

1978 kaufte sich die damals 18-Jährige eine hellblaue «Ente», wie der Citroën 2CV im Volksmund genannt wird. Den Führerschein frisch in der Tasche, musste sie all ihr Erspartes zusammenkratzen. 3200 Franken gingen über den Ladentisch der Melchnauer Küffer-Garage. Dafür wechselte der «Döschwo», wie das Modell auch genannt wird, in den Besitz der Rogglis­wilerin. Er diente als Alltagsauto und wurde entsprechend gebraucht, was dem Gefährt schon nach wenigen Jahren anzusehen war. Rost, der Todfeind aller Autos, hatte den hellblauen Citroën befallen. Eine Reparatur? Zu teuer. So trennten sich 1982 die Wege. Es sollten 38 Jahre vergehen, ehe sie sich wieder kreuzten.

Ein hölziges Modell als Antrieb
Kein Ruckeln. «Gelernt ist gelernt», sagt Anita Bärenbold mit einem Augenzwinkern, als sie den «Döschwo» in einer leichten Steigung in Bewegung setzt. Die Gangschaltung beherrscht sie auch nach beinahe vier Jahrzehnten Unterbruch blind. «Alles hier abgespeichert», sagt sie und tippt an die Schläfe. Die Fahrt führt Richtung St. Urban. Nach der kurvenreichen Strecke gibt die Roggliswilerin auf der Geraden Gas. «Er läuft gut», schreit sie durch den Fahrtwind. Auf der Autobahn gehe sie bei Tempo 110 aber vorsichtshalber vom Gaspedal.

Dass Anita Bärenbold wieder im Besitz einer Ente ist, hat sie ihrer Familie und Freunden zu verdanken. Zu ihrem 60. Geburtstag lud sie ein – wollte aber keine Geschenke. Doch wie es halt so ist, kreuzten die Familienmitglieder nicht mit leeren Händen auf, sondern übergaben der Jubilarin einen selbst gebastelten hellblauen Holz-«Döschwo». «Ich war sprachlos», sagt Anita Bärenbold. Erst recht, als ihr erklärt wurde, dass die hölzige Ausgabe nur symbolisch sei. Sie hätten ein Modell gefunden. «Ich war nie aktiv auf der Suche, aber hielt immer die Augen offen.» Nun war der Zeitpunkt gekommen. Die Reise führte nach Bülach in den Kanton Zürich. Und auch wenn der Preis mehr als in Ordnung gewesen wäre: Es funkte nicht zwischen den beiden. «Als ich mich ins Auto setzte, sass ich fast am Boden. Die Sitze waren extrem durchgesessen und auch sonst war das Auto nicht gut gepflegt.»

Doch die 60-Jährige hatte Blut geleckt – oder besser gesagt Benzin gerochen. Sie machte sich auf die Suche. Und wurde in der Westschweiz fündig. Gleich vier Stationen galt es abzufahren. Die «Tour de Romandie» startete dann aber wenig erfolgsversprechend. Der erste «Döschwo»-Besitzer war nicht zu Hause, das Französisch der Suchenden nicht gut genug, um ausfindig zu machen, wo sich der potenzielle Verkäufer aufhielt. Also ging die Reise weiter. Nach Aigle. Wo sonst Weisswein kredenzt wird, verliebte sich Anita Bärenbold. In den giftgrünen Citroën 2CV, Jahrgang 1987, 29 PS. «Es fühlte sich an wie ein Heimkommen, als ich mich für die Probefahrt hinters Steuer setzte.» Das breite Grinsen ist geblieben. «Immer, wenn ich mich ins Auto setze, muss ich Lachen.» Es ist kein Lachen im Sinne von Belustigung, sondern vielmehr ein Lächeln im Zeichen tiefster Glückseligkeit. Nicht nur sie, sondern die ganze Familie und speziell die Grosskinder hätten extrem Freude an der «Ente».

Dunkle Wolken verfinstern die Miene
Bei Ausfahrten mit dem giftgrünen Franzosen drehen sich die Köpfe etlicher Passanten. «Es ist nicht wie früher. Die «Enten» sind auf Schweizer Stras­sen rar geworden.» Entsprechend sind die Preise seit dem Ende der Produktion (siehe Kasten) gestiegen. Zahlte Anita Bärenbold für ihren ersten «Döschwo» noch 3200 Franken, hätte der Verkäufer ihres jetzigen Modells für denselben Betrag nur ein müdes Lächeln übrig gehabt. Unter 10 000 Franken geht kaum was, nach oben ist die Grenze offen. Wie viel die «Döschwo»-Liebhaberin für ihren grünen Traum bezahlt hat, möchte sie nicht verraten. Anita Bärenbold gesteht aber: «Just in der Corona-Pandemie holte ich die Ente in Aigle ab. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, Freude zu haben in Anbetracht der Umstände.» Bereut hat sie den Kauf nie.

Die Spritztour neigt sich dem Ende entgegen. Gerade noch zur rechten Zeit. Dunkle Wolken sind aufgezogen, es braut sich ein Gewitter zusammen. Auf einen Schlag verfinstert sich auch die Miene von Anita Bärenbold. Ihr Liebling muss in Sicherheit gebracht werden. Zu dünn die Carrosserie, als dass sie Hagel etwas entgegenzusetzen hätte. Zu wertvoll, als dass sie Schaden nehmen dürfte. Schliesslich soll das Lächeln wieder zurückkehren ins Gesicht von Anita Bärenbold.

 

Vor 30 Jahren zum letzten Mal gefertigt

«Döschwo» Was den Deutschen der «Käfer», ist den Franzosen die «Ente». Mehr als 5 Millionen Exemplare des Citroën 2CV gingen vom Band, das letzte vor 30 Jahren, am 27. Juli 1990, im portugiesischen Mangualde.

Während der Citroën 2CV in Deutschland und Österreich unter dem Namen «Ente» bekannt ist, nennen ihn hierzulande viele «Döschwo», abgeleitet vom französischen «deux chevaux» – zu Deutsch: zwei Pferde. Anders als man denken könnte, bezieht sich diese Bezeichnung aber nicht auf die Motorenstärke – selbst die schwächsten «Döschwo» haben 8 PS. Die Zahl widerspiegelt die Steuer-klasse 2CV (deux chevaux fiscaux – zwei Steuer-Pferdestärken), in die der Citroën 2CV aufgrund seines kleinen Hubraums und des geringen Verbrauchs von der Automobilbehörde eingestuft wurde.

Seinen Ursprung hat das Traditionsauto bereits in den Vorkriegsjahren: 1934 erteilte der Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger den Auftrag, einen minimalistischen Kleinwagen zu entwickeln. Die Anforderungen: Ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 km verbraucht. Ausserdem sollte es selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen können und musste ausgesprochen gut gefedert sein, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. Auf das Aussehen des Wagens legte der Citroën-Direktor keinen Wert. So wurde das Modell von der Fachpresse anfangs belächelt und als «hässliches Entlein» verspottet, was ihm den Namen «Ente» verschaffte. Als Anti-Statussymbol konzipiert, geniesst das Auto heute Kultstatus.