Hans-Ueli Schmocker ist ein Hölziger, bei dem es auch nach der Pensionierung rundläuft. Der 72-jährige Schreinermeister lässt seiner Kreativität beim Drechseln freien Lauf.

Draussen toben die Ausläufer eines Wintersturmes und peitschen Regentropfen an die grosse Fensterfront, drinnen liegt der Geruch von Holz in der Luft. Späne fliegen an die Schürze von Hans-Ueli Schmocker und fallen auf den schwarzen Teppich, der auf dem weissen Plattenboden liegt. Mit konzentriertem Blick und zusammengepressten Lippen steht der 72-Jährige an der Drehbank und formt aus eckigen Holzstücken kreisrunde Kunstwerke. So wie fast jeden Tag seit seiner Pensionierung vor sieben Jahren.

«Iu.» Mit diesem Wort bejaht der Schreinermeister und Hobbydrechsler Fragen oder richtet das Wort an sich selbst, wenn ihm etwas gelungen ist. Er sei kein «Hiesiger», erklärt er seinen Dialekt. Am Zürichsee und in der Ostschweiz aufgewachsen, zog es Schmocker der Liebe wegen ins Berner Oberland. Statt den elterlichen Betrieb in Frauenfeld zu übernehmen, bildete er sich fern der Heimat weiter und fand als Berufsfachlehrer seine Berufung. Dass Hans-Ueli Schmocker dereinst ein Hölziger werden sollte, war schon lange klar. In achter Generation nahm er sich dem bäumigen Werkstoff an. Die Haptik und die Vielseitigkeit des Holzes haben es ihm schon als Kind angetan und ihn bis heute nicht losgelassen. «Holz bietet unendlich viele Möglichkeiten und ist gleichzeitig unberechenbar. Diese Mischung ist extrem spannend.»

Kleinstberuf mit vielen Nachahmern
Im Erdgeschoss seines Hauses in Egolzwil, wo er sich vor sechs Jahren niedergelassen hat, erschuf sich Hans-Ueli Schmocker ein kleines Paradies. Nebst einem Büro, in dem er mittels CAD-Programm Pläne zeichnet, hat der Pensionär eine Werkstatt eingerichtet, in der er seine Ideen umsetzt. Band- und Kippsäge, Schärf-, Bohr- und Hobelmaschine: Laufend erweitert er seinen Maschinenpark. Die wichtigste Anschaffung tätigte Schmocker bereits vor seiner Pensionierung. Er streicht über die Drehbank, die schon Hunderte von Stunden im Einsatz stand. «Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was ich während meines Ruhestandes sinnvolles machen könnte. So kam ich zum Drechseln.» Durch die Hände von Hans-Ueli Schmocker verwandelten sich Dutzende gewöhnliche Holzstücke in Kunstwerke. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Stehauf-Kreisel, Füllfederhalter, Weihnachtskugeln, Kerzenständer, Ohrringe, ja sogar Kindernähmaschinen erschafft Schmocker.

Die Ideen dazu findet er im Internet oder in Fachzeitschriften. Tüfteln und Pröbeln, Verbesserungen vornehmen und immer wieder von vorne beginnen gehören beim Drechseln dazu. Zumindest für jene, die es hobbymässig betreiben wie Hans-Ueli Schmocker – davon gibt es wohl mehrere Hundert, wie der passionierte Drechsler vermutet. «Hier, 50 Meter weiter, ist mit Franz Felber schon der nächste», sagt er, lacht und zeigt auf die Strasse, welche sich den Santenberg hinunterschlängelt.

So viele Hobbydrechsler es gibt, so wenige gehen dem Handwerk beruflich nach. 42 Betriebe sind dem Schweizer Drechsler-Verband angeschlossen, kein einziger davon ist im Kanton Luzern beheimatet. Im Sommer schlies­sen schweizweit drei Drechsler ihre vierjährige Lehre ab. Trotz rückläufiger Betriebs- und Lehrlingszahlen: Schmocker prophezeit angehenden Drechslern ausgezeichnete Zukunftschancen, ist überzeugt: «Die Lehre ist eine gute Grundausbildung. In der Berufsschule in Brienz kommen die Lehrlinge mit anderen Kleinstberufen wie den Korbern, Küfern, Bildhauern, Orgel- und Geigenbauern in Kontakt. Danach stehen viele Türen offen.»

«Lieber Risotto und Glühwein»
Hans-Ueli Schmocker hat sich mit Leib und Seele dem Drechseln verschrieben, ist nicht nur Kassier des Verbandes, sondern gehört diesem gar als einer von lediglich sieben Hobbydrechslern selber an. «So entstehen Kontakte. Man kann sich austauschen», hebt er die Vorteile einer Mitgliedschaft hervor. Schmocker hat ein grosses Netzwerk. Man kennt ihn in der Szene, sogar im Ausland hat er schon für Aufsehen gesorgt. «Mit dem hier», sagt er und nimmt ein säulenartiges, dunkelbraunes Holz zur Hand, «habe ich einen Wettbewerb in Deutschland gewonnen.» «Durchblick» hiess die Vorgabe, welcher der Egolzwiler mittels angefertigtem Kaleidoskop mehr als gerecht wurde.

Sein Wissen legt sich Schmocker mittels Kursen und Eigenstudium an. Er drechselt nach Lust und Laune – vor allem Dinge, die seine Grosskinder erfreuen. Aufträge hat er bislang noch keine erhalten. Zweimal bot er seine Werke am Weihnachtsmarkt an. Bei der Premiere konnte er mit dem erwirtschafteten Betrag noch nicht einmal die Standgebühren von 70 Franken begleichen, letztes Jahr sprang immerhin das Doppelte heraus. «Die Leute kommen, schauen, sagen: ‹Oh, Sie machen aber schöne Sachen› und gehen dann weiter.» Lieber stünden sie an den Verpflegungsständen, würden Risotto essen oder Glühwein trinken. «Ich biete halt Sachen an, die man nicht zum Überleben braucht», sagt Schmocker, zuckt mit den Schultern und lächelt.

Eine Weisheit und ein Knall
Der Sturm hat die Wolken zur Seite geschoben. Die Sonne flutet die Werkstatt. Durch die etwas verdunkelten Brillengläser mustert Schmocker das an der Drehbank eingespannte und von einer Lampe erleuchtete Holz. In wenigen Sekunden verformt er dieses mit kleinen Handbewegungen und entsprechendem Werkzeug.

Kunst oder Handwerk? «Handwerkskunst», sagt Schmocker mit lauter Stimme, um das Surren der Maschine zu übertönen. «Das Handwerk ist nicht auf die Kunst angewiesen, aber die Kunst auf das Handwerk.» Er drückt den Aus-Knopf an der Drehbank. Die Unterseite der Holzschale ist beinahe fertig, es fehlt wortwörtlich nur noch der Feinschliff. Schmocker fährt mit der Handfläche über das Holz, schreitet zu einem Schrank am anderen Ende der Werkstatt und kehrt mit verschiedenen Schleifpapieren zurück.

Wenig später löst er die Schale vom Dorn, wendet sie und spreizt sie über ein Futter. Nun gilt es, die Innenseite zu bearbeiten. Es surrt, mal höher, mal tiefer. Die Späne fliegen. Und plötzlich: ein Knall. Die Schale dreht nicht mehr rund. Hans-Ueli Schmocker löst sie vom Futter und begutachtet den Schaden. «Ein Riss im Holz. Das meinte ich mit unberechenbar.» Der 72-Jährige legt die halb fertige Schale zur Seite. Die ganze Arbeit für die Katz? «Iu, Brennholz», sagt er und nimmt das nächste Holzstück aus dem Schrank.