Bereits den fünften Sommer bewirtschaften Candid und Eveline Sommerhalder die Alp Älggäu hoch über Alpnach. Auf 1574 Meter über Meer hält das Wiggertaler Ehepaar Vieh – und ge­niesst das einfache Leben.

Kurvenreich schlängelt sich die Strasse vom Alpnacher Ortsteil Schoried hoch zur Alp Älggäu. Candid Sommerhalder, 64, lange Hose, Trägershirt, schweres Schuhwerk, sitzt am Steuer seines Suba­ru Forester. «Do send si.» Vor ihm auf der Strasse taucht eine seiner Viehherden auf. Gemächlich gehen die Rinder zur Seite. Nur einer will partout nicht Platz machen. «Ben», der dreijährige Limousin-Muni. Ein Muskelprotz, 1100 Kilogramm schwer. «Aber zahm», sagt Candid Sommerhalder und drängt seine 150 Pferde am Koloss vorbei. Seit zwei Wochen beglückt der Bulle die Rinder. Bald zieht er weiter.

Viel Arbeit, wenig Stress
Der Forester passiert die letzte Kurve. Da liegt sie, die Alp Älggäu, die der Korporation Alpnach gehört. Eine schmucke Hütte, daneben ein kleiner und ein grösserer Stall. Im einen werden zwei Mastkälber gehalten, im anderen drei Pferde und acht Toggenburgerziegen. Letztere gehören den Sommerhalders. Alle anderen Tiere stammen von Bauern aus dem Tal, so auch die 84 Rinder. Eine Schweizerfahne weht im Wind, darauf eingestickt die Namen der Älpler.

Am Holztisch sitzt Eveline Sommerhalder, 60, vor sich eine Tasse Kaffee. Während die braune Brühe im «Cheli», wie die Tasse im Obwaldnischen genannt wird, langsam abkühlt, plaudern Sommerhalders über ihre Motivation, hier oben, auf 1574 m ü. M., eine Alp zu bewirtschaften. «Ich habe schon immer gesagt: Wenn ich pensioniert bin, will ich auf die Alp», so Candid Sommerhalder, der auf einem Bauernhof in Grosswangen aufgewachsen und schon früh mit Tieren in Berührung gekommen ist. Vier Jahrzehnte arbeitete er als Baumaschinenführer bei der Firma Arnet in Dagmersellen. Lange lebte das Ehepaar in der Hürntalgemeinde, ehe es nach Brittnau zog.

Nun erfreuen sich die beiden an der Ruhe der Natur, am ungekünstelten Leben auf der Alp. Bereits zum fünften Mal bezogen sie diesen Sommer ihr Quartier hoch über Alp­nach. Statt den Lebensabend zu Hause in Brittnau zu geniessen, chrampfen die beiden weiter. «Es ist zwar harte, aber schöne Arbeit. Und», so der Älpler, «anders als unten im Flachland, hat man hier keinen Stress. Wir nehmen jeden Tag, wie er kommt.» Dies haben sie gelernt. Dies mussten sie lernen.

Fahrerkabine statt Invalidenrente
Candid Sommerhalder wirkt rüstig, hat einen muskulösen Oberkörper, starke Beine. Vom Leben gezeichnet scheint er nicht. Doch der Schein trügt. Vor neun Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Seither sorgen drei Bypässe dafür, dass das Herz weiterhin im Takt schlägt. Es war nicht das erste Mal, dass Candids Gesundheitszustand der Familie Sorgen bereitete.

2007 zog er sich bei einem Arbeitsunfall schwerste Verletzungen am Oberkörper zu: zwölffacher Rippenbruch, zweifacher Lungenriss, Herzquetschung. Eine Woche Intensivstation. «Die Ärzte wussten lange nicht, ob er es schafft», sagt Eveline Sommerhalder und blickt bestürzt zu Boden. Aber ihr Mann sei ein Kämpfer. «Die Musik spielt hier», sagt er selbst und tippt an die Schläfe. «Wenn du den Kopf hängen lässt, ist es vorbei.» Obwohl er bereits die Unterlagen für die Invalidenrente auf dem Tisch hatte und die Ärzte das Weiterarbeiten infrage stellten, sass er gerade einmal sechs Monate nach dem schweren Unfall wieder in der Fahrer­kabine. «Ich bin nicht gemacht zum Rumsitzen. Man ist auf der Erde, um etwas zu schaffen. Das ist meine Einstellung.»

Arbeit gibt es zur Genüge auf 1574 m ü. M. Jeden Tag kontrolliert Candid Sommerhalder das Vieh. «Ich bin dann mal unterwegs», tönt es jeweils, wenn er sich auf den Weg macht. Der Rucksack ist gefüllt. Mit etwas zu Trinken, einem Funkgerät, Arznei und einem Halfter, falls eines der Tiere verletzt ist. Mit Isolierhandschuhen, die vor dem Viehhüter schützen. Mit einem Strommessgerät und einem Stoffsack für allfällige Pilzfunde.

Den Wanderstock zur Hand, schreitet Sommerhalder Richtung Stall, der sich einige hundert Meter fern der Unterkunft befindet. Immer mit dabei: «Lady», die fünfjährige Border Collie Mischlingshündin. Bereits von Weitem sind Glockenklänge zu vernehmen. Die Herde steht dicht gedrängt im Schatten des Stalls. «So ist die Kontrolle natürlich einfach. Meistens sind sie weitherum verteilt.» 95 Hektaren bewirtschaftet Sommerhalder mit seinem Rindvieh, das er in verschiedene Herden unterteilt hat. Entsprechend lange kann der tägliche Kontrollgang dauern, bis zu drei Stunden.

Nebst der Vollständigkeit der Herde überprüft der Älpler den Gesundheitszustand der Tiere. Er beobachtet die Gangart jedes einzelnen Vierbeiners und schaut den Rindern tief in die Augen. Was im Flachland das Coronavirus, ist auf der Alp die Gämsblindheit. Eine Krankheit, die von Wildtieren via Fliegen auf die Nutztiere übertragen wird, das Auge milchig färbt und ohne Behandlung zur Erblindung führt. «Heuer hatten wir bislang Glück. Letztes Jahr war es schlimmer.» Für den Fall eines positiven Befundes hat Candid Sommerhalder Arzneimittel dabei. Deren Einsatz wird fein säuberlich in einem Ordner erfasst. Auch auf der Alp geht es nicht ohne Bürokratie.

Ein hölziges Werk
Der Älpler hat durchgezählt: Ein Rind fehlt. In der Ferne entdeckt Sommerhalders geschultes Auge den Einzelgänger. Wenige Minuten später ist er beim Rind angekommen. «Hesch du öppis?», spricht er das Tier an, um zwei fachmännische Blicke später gleich selber Entwarnung zu geben: «Alles guet.»

Weiter geht es, über Stock und Stein. Oder besser: Durch hohes Gras, an kleinen Sträuchern vorbei Richtung First. «Unglaublich», sagt Sommerhalder, während er den Hang ins Auge fasst. Vor zwei Jahren habe er hier die unerwünschten Sträucher allesamt ausgerissen. Und nun sind die Nachwüchse bereits wieder meterhoch. «Die Arbeit geht nie aus», sagt er und lacht.

Auf dem Weg zum Aussichtspunkt durchforstet Sommerhalder den moosigen Boden nach Pilzen. Der Stoffsack im Rucksack bleibt heute aber leer. Ebenso der Brunnen, den Candid Sommerhalder dieses Jahr gefertigt hat. Die Initialen und die Jahreszahl sind zwar schon eingeschnitzt, doch fehlt der Feinschliff. Das Quellwasser plätschert noch einige Tage in den alten Brunnen nebenan. Während zwei Wochen hat Sommerhalder Tag für Tag am Holzbrunnen gearbeitet. Bei Kontrollgängen lege er hier jeweils eine «Pause» ein. Mit der Motorsäge und einem Bickel hat er den Holzstamm ausgehöhlt. Stück für Stück entstand so ein Bijou, das den Rindern bald als Trinkquelle dient.

«Lady», die Wetterschmöckerin
Die Sonne brennt und drückt den Schweiss aus den Poren. Trotzdem sind die letzten Meter bis zur First für Candid Sommerhalder die schönsten. Im Hintergrund bimmeln die Kuhglocken der Rinder. Und auch jene von «Lady» ertönt, während der Vierbeiner hin- und herrennt. Sommerhalder lässt seinen Blick über die umliegenden Gipfel schweifen. «Das ist der Lohn für die Anstrengungen. Das ist mehr Wert als jedes Geld.» Zu seinen Füssen die Alp. Auf der einen Seite Mittaggüpfi und Schimbrig, auf der anderen Stanserhorn und Titlis. In der Ferne Eiger, Mönch und Jungfrau. An sichtigen Tagen, so sagt der Älpler, sehe man bis zum Chasseral. Doch heute liegt Dunst in der Luft.

Mit dem Wetter kennt sich Candid Sommerhalder aus. Hier oben sei es immer rund 10 Grad kälter als im Flachland. Ziehen vom Glaubenberg her dunkle Wolken auf, kommt die Älggäu meist glimpflich davon. «Schlimmer ist es, wenn das Wetter vom Luzernischen her kommt», sagt er und deutet auf den Hügelzug mit Mittaggüpfi und Schimbrig. Das Problem: Die Berge türmen sich wie eine Wand auf, versperren die Sicht. «Es kommt jeweils ohne Vorwarnung.» Einzig «Lady» diene als Frühwarnsystem. Ziehe irgendwo ein Gewitter auf, verziehe sie sich in die Hütte. «Ist dies der Fall, sollte auch ich langsam meine Sachen packen», sagt Candid Sommerhalder und lacht.

Der Wolf und die Musikwelle
Weniger zum Lachen zumute ist ihm beim Thema Wolf. Hier auf der Alp habe er zwar noch keinen gesehen, seine Tiere blieben bisher verschont. «Aber ich bin kein Freund vom Wolf.» Anders als beispielsweise der in der Region ansässige Luchs, verwerte der Wolf die Beute nicht, sondern töte im Rausch. «Ich habe meinen Ziegen ein breites Halsband angelegt und eine grosse Glocke umgehängt. Dies macht sie einerseits weniger angreifbar und scheucht andererseits den Luchs ab. Doch beim Wolf nützt alles nichts. Der hat keine Angst.» Um seine Ziegen nicht auf dem Silbertablett zu servieren, verbringen sie die Nächte im Stall. «Am Morgen müssen sie sowieso gemolken werden», sagt Candid Sommerhalder.

Zurück bei der Unterkunft liegt der Duft von gerösteten Zwiebeln in der Luft. Im grossen Topf erhitzt Eveline Sommerhalder mithilfe von Gas Wasser. In der Hand hält sie eine Packung Älplermagronen. Aus den Musikboxen erklingt «Dr Schacher Seppli». Von früh bis spät läuft auf der Älggäu die «Musikwelle». Für Eveline Sommerhalder wichtig, weil sie fast rund um die Uhr in oder um die Hütte beschäftigt ist. «Ich kann ‹Candi› im Gelände leider nicht helfen», sagt sie fast schon entschuldigend und fährt sich übers rechte Bein. Ein vierfacher Bruch hat seine Spuren hinterlassen. Die Narben sind das eine. Die Schmerzen das andere. Bei zu hoher Belastung schwillt der Knöchel an. Eine Besserung, so haben es die Ärzte gesagt, sei ausgeschlossen. Eveline Sommerhalder hilft ihrem Mann trotzdem, wo sie kann. Sie bereitet das Essen zu, schaut zum Haushalt, hilft abends beim Misten. Und kommen Wanderer oder Biker vorbei, wechselt sie das eine oder andere Wort, bietet etwas zu Trinken an. «Heuer sind mehr Leute unterwegs als in anderen Jahren», sagt sie und schiebt nach: «Wahrscheinlich wegen Corona.»

Bald schon brechen Sommerhalders ihre Zelte auf der Älggäu ab und beziehen die tiefer gelegene Alp Schoni. Dort verbringen sie nochmals drei Wochen, ehe es Anfang Oktober zurück ins Flachland geht. Im nächsten Sommer kommen sie wieder. «So lange wir gesund sind, werden wir weiterhin auf die Alp kommen», sagt Candid Sommerhalder. Nun ist genug geredet. Die Älplermagronen und das Apfelmus sind verputzt. Es stehen Zäunungsarbeiten an. «Ich bin dann mal unterwegs.»