«Derice, bist du tot?» – «Nein, Mann. Ich bin nicht tot. Wir müssen das Rennen beenden.» Die Rettungskräfte in ihren orangen Overalls rutschen auf ihren Moonboots dem umgekippten Bob auf der Zielgeraden entgegen, doch als sie bei den Verunfallten ankommen, haben sich diese bereits wieder aufgerappelt, tragen den schwarz lackierten Schlitten auf ihren Schultern der Ziellinie entgegen.

Jeder und jede hat ihn: einen Lieblingsfilm. 37 Mal geschaut und doch – läuft er im TV und du bist am durchzappen, bleibst du hängen. Aus den anfänglich gedachten fünf Minuten werden zwei Stunden, aus einem ganz normalen Winterabend ein Schwelgen in Erinnerungen.

Flimmert «Cool Runnings» über den Bildschirm, werde ich jedesmal schwach. Der Klassiker aus dem Jahr 1993, in dem drei Sprinter und ein Seifenkistenfahrer Jamaica an den Olympischen Winterspielen im Bobfahren vertreten, reisst mich immer wieder aufs Neue mit. Jedesmal, wenn diese vier Männer in ihren hautengen schwarz-gelb-grünen Rennanzügen ihren Bob der Ziellinie entgegentragen, bekomme ich Gänsehaut. Wird aus der Stille am Streckenrand lautes Klatschen, schwellen meine trockenen Augen zu einem Wasserfall an.

In Zeiten des Replay-TV durchforste ich den Programmwald nach neuen Filmen, bleibe aber meist bei den alten «Schinken» hängen. So wie vor einigen Wochen. Draussen ist es dunkel, kalt, der Schneeregen prasselt an die Fensterscheibe. Zeit für «Cool Runnings». Blöd nur, dass ich nach der Hälfte den roten Knopf an der Fernbedienung drücken muss: trotz Sauwetter ruft der Trainingsplatz. Da das «Grün» mit einer nassen weissen Schicht überzogen ist, heisst es zu allem Überfluss: Laufschuhe schnüren. «Cool Runnings», nur eben nicht die angenehm warme Variante in der Stube.

«Wie weit noch?», röchle ich auf halber Strecke und denke an die Schlussszene meines Lieblingsfilms. Wo nur sind die Sanitäter mit dem Sauerstoffzelt, wenn sie wirklich gebraucht werden?

Hätte mich zu diesem Zeitpunkt ein Mannschaftskollege gefragt: «Vögi, bist du tot?» hätte ich bestimmt nicht gesagt: «Nein, Mann. Wir müssen das Rennen beenden».