Ich bin kein Mann der grossen Worte, reisse mein Maul nicht gerne auf. Vor allem, wenn ein Zahnarztbesuch bevorsteht und ich einen leichten Druck auf der Brust verspüre. Klar, es ist nur die jährliche Kontrolle inklusive Dentalhygiene. Aber eben doch ein Zahnarztbesuch.

Während ich auf dem Stuhl sitze und meine Beisser auf Hochglanz poliert werden, suche ich zwischen Händen, Maschinen und Köpfen ein Schlupf­loch, wo ich meinen Blick positionieren kann. Ich mustere den Raum. Innenarchitekten haben sich hier nicht verwirklicht. Alles wirkt steril, denke ich, als mich der pfeifende Ton des Poliergerätes aus den Gedanken reisst. Er schiesst vom Zahn über das Hirn direkt in die Knochen. Ich erschaudere.

Was meine Zähne und ich gemeinsam schon alles durchgestanden haben. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein milchiger Zeitgenosse … Es geschah an einem schulfreien Nachmittag. Mit zwei älteren Nachbarsbuben spielte ich in der Wasch­küche unseres Wohnblocks. Der Älteste gab mir flüsternd den Hinweis, dass gleich ein Wettrennen starten werde und ich mich bereithalten sollte. «Wer zuletzt bei der Rutschbahn ist, hat verloren.» Ich zwängte mich zwischen dem verdutzten Nachbarsjungen und dem Türrahmen durch, verspielte meinen Vorsprung jedoch bereits bei der Treppe. Genauer bei der ersten Stufe, die mein Fuss verfehlte. Umso genauer traf ich die Kante der fünften Stufe. Mit meinem Gesicht. Das Ergebnis: ein halber Eckzahn im Treppenhaus, die andere Hälfte in meinem Mund. Statt den Zahnarzt suchte ich den Hauswart auf, der mir ohne Spritze, dafür mit der Spitzzange die Überreste entfernte.

Sehe ich heute Kinder in der Nähe von Treppen rennen, kommen nicht nur die Gedanken von jenem Tag wieder zurück, sondern auch die Schmerzen. Ein kalter Schauder überkommt mich, ich verkrampfe. So auch jetzt, auf dem Zahnarztstuhl. Obwohl mir weder die spitze Ahle noch die Schleifmaschine Schmerzen bereiten.

Nach einer halben Stunde ist der ganze Spuk vorbei. Der Druck auf der Brust fällt schlagartig ab. Dafür schmerzt der Kiefer. Ich reisse meinen Mund eben wirklich nicht gerne auf. Vor allem beim Zahnarzt.